Geschäftsstraßen und Einkaufszentren bekommen neue Konkurrenz: Bahnhöfe, Flughäfen, Museen.
WIEN. Die Spar-Filiale im Linzer Bahnhof darf laut Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs (VfGH) am Sonntag nicht aufsperren. Ein Rückschlag sowohl für den Lebensmittelkonzern als auch für die ÖBB, die nun vermutlich ihre Miete senken müssen. "Wir hatten die Sonntagsöffnung in dem Mietpreis einkalkuliert", heißt es. Doch selbst der jüngste Entscheid des VfGH wird die aktuelle Entwicklung bei kommerziellen und öffentlichen Institutionen nicht aufhalten. Die neuen Geschäfts- und Freizeitzentren werden künftig in Bahnhöfen, ja sogar in Flughäfen und Kultureinrichtungen zu finden sein. Und sie werden für Geschäftsstraßen und Einkaufszentren auf der grünen Wiese eine harte Konkurrenz darstellen.
In Linz, Graz oder Innsbruck haben die ÖBB das neue Bahnhof-Konzept umgesetzt. Gastronomie, Shopping-Mall, Bürogebäude, Hotels. All das werde in Zukunft in einem Bahnhof Platz finden, berichtet ÖBB-Sprecher Gary Pipan. Der Linzer Bahnhof zieht mittlerweile nicht nur Reisende an. Er gilt längst als Freizeit- und Erholungsgebiet. "Sonntags ist es schwer, einen Parkplatz zu finden", berichten Besucher. Vor dem Bahnhof entsteht nun ein Bürokomplex, dahinter ein neues Wohngebiet.
Bis 2009 wird auch der Wiener Westbahnhof völlig neu gestaltet. Das Herzstück: Eine riesige Shopping-Mall, die unter den Bahnhof gegraben wird. "20.000 Quadratmeter Shoppingfläche", betont Pipan. Das ist etwa ein Fünftel der Verkaufsfläche der Shopping City Süd. Und somit wird der Westbahnhof auch eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die Geschäfte an der Mariahilfer Straße.
Darüber hinaus werden auch ein Hotel und Büros in den denkmalgeschützten Bahnhofsbau einziehen. "Wir verstehen Bahnhof längst anders", betont ÖBB-Sprecher Pipan.
Doch trotz einzelner Bemühungen hinken Österreichs Institutionen in diesem Bereich der internationalen Konkurrenz weit hinterher. Nach wie vor werden Fahrgäste in den meisten Bahnhofshallen und Flughäfen "abgefertigt", wird der Erfolg von Kultureinrichtungen oft ausschließlich am Kartenverkauf gemessen - ohne zusätzliche Angebote zu schaffen.
"Es geht darum, den Konsumenten besser zu verstehen", sagt Stefan Höffinger von der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Dadurch, dass viele Institutionen durch die fortschreitende Marktliberalisierung im ihrem Stammgeschäft Federn lassen müssen, werde das "Nebengeschäft" immer wichtiger - mitunter sogar zum Hauptgeschäft.
Ein Blick über die Grenzen zeigt, wohin die Reise geht: Der Münchner Flughafen erzielt mittlerweile fast die Hälfte seiner Einnahmen durch die Vermietung von Geschäften. Am Wochenende zieht es die Nachtschwärmer in die Flughafen-Discothek.
Der Flughafen Amsterdam versteht sich längst als "Airport City". In der künstlichen Stadt ist der Flugbetrieb beinahe zur Nebensache geworden. Der Flughafen nimmt mehr Geld durch Vermietung ein als durch Start- und Landegebühren. Ein Szenario, von dem der Flughafen Wien derzeit nur träumen kann.
Oder das Centre Pompidou in Paris, das für den Museumsbesucher auch eine Bibliothek, Restaurants und Shopping-Zonen anbietet - "und so auf die unterschiedlichsten Kundenbedürfnisse eingeht", sagt Höffinger.
"Jeder gegen jeden" heißt es in den verschiedenen Bereichen. Erste Ansätze gibt es auch in Österreich. So wurde etwa im Euro-Park in Salzburg vor kurzem ein Theater eröffnet. Kabarettprogramme, Konzerte, Podiumsdiskussionen finden inmitten des Einkaufszentrums statt und konkurrieren Kultureinrichtungen im Stadtzentrum.
A.T. Kearney-Experte Höffinger spricht vom "hybriden Konsumenten". "Er ist extrem anspruchsvoll, will verwöhnt werden und ist mobil." Und: "Diese Konsumenten stellen keine Belastung, sondern eine große Chance dar", betont Höffinger.
Wie in vielen Bereichen sind es die Amerikaner, die das Geschäft mit dem Zusatzgeschäft zur Perfektion getrieben haben. So gibt im Metropolitan Museum of Art in New York jeder Besucher neben dem Eintritt für den Museumsbesuch im Schnitt zusätzlich fünf Euro in einem der Gift-Shops oder Restaurants aus. Auf einen durchschnittlichen Wiener Museumsbesucher entfallen Zusatzausgaben von 50 Cent, erhob A.T. Kearney in einer jüngsten Studie.
"Jede Institution, ob kommerziell oder öffentlich, kommt zunehmend in ihrem Kernbereich unter Druck", sagt Höffinger. "Den Kunden abzuholen, stellt für mehr Unternehmen eine Herausforderung dar, als viele derzeit wahrhaben wollen."