Energie-Paradies im Norden Europas

ISLAND. Im nördlichsten Staat Europas wird Strom so billig wie sonst nirgends aus Wasserkraft und Erdwärme produziert, selbst die Gehsteige werden mittlerweile beheizt.

REYKJAVIK. Bei neuen Siedlungen in der isländischen Hauptstadt Reykjavik ist es mittlerweile Standard, dass nicht nur die Häuser, sondern auch die Außentreppen, die Gehsteige und sogar die Straßen beheizt sind. Was in anderen Ländern unerschwinglich wäre, ist in Island ein leistbarer Luxus - denn die Wärmeversorgung in Island übernimmt die Erde: 87 Prozent der Häuser sind an Erdwärme-Netze angeschlossen. "Heizen ist in Island um zwei Drittel billiger als in Norwegen", berichtet Thorkell Helgason, Chef der isländischen Energiebehörde.

Eis- und schneefreie Gehsteige sind ein Ausdruck für den außergewöhnlichen Weg, den Island in der Energiepolitik eingeschlagen hat: In den 1970er Jahren hat die Regierung beschlossen, auf erneuerbare Energieträger zu setzen: einerseits auf Wasserkraft, die von den Gletschern gespeist wird, andererseits auf die Erdwärme (Geothermie). Öl liefert heute nur 28 Prozent des Energiebedarfs - die Hälfte davon wird für Autos benötigt, die andere Hälfte für die Fischereiflotte. 72 Prozent stammen aus erneuerbaren Energieträgern.

Welche Kraft die Erde hat, ist in Island auf Schritt und Tritt erlebbar. Etwa bei den Geysiren, in denen das in der Tiefe erhitzte Wasser schlagartig verdampft und eine hohe Wassersäule aus dem Boden schießt. Aber nicht nur in den vulkanisch aktiven Zonen wird Heißwasser zur Wärme- und Stromproduktion geerntet. Selbst in Reykjavik dampft es an allen Ecken - und zwar aus Bohrlöchern, aus denen 85 Grad heißes Wasser gefördert wird. Laut Schätzungen sind erst sieben Prozent des gesicherten geothermischen Potenzials ausgebaut. Und dieses könnte noch viel höher sein: Nächstes Jahr will man die erste Tiefbohrung mit 5000 Metern durchführen. Der dort produzierte 800 Grad heiße Wasserdampf könnte das Potenzial glatt verzehnfachen, so Helgason.

Auch in die Wasserkraft wird kräftig investiert. Derzeit entsteht im Nordosten Islands, in Karahnjukar, das größte Wasserkraftwerk Europas - Turbinen-Lieferant ist übrigens die VA Tech.

Der Sinn des Ausbaus ist schon längst nicht mehr die Eigenversorgung Islands. Der Strom soll vielmehr dafür genutzt werden, um mit billigem Strom Energie-intensive Industriebetriebe anzulocken. Von null weg wurde Island dadurch zum wichtigsten Aluminium-Standort in Westeuropa. Strom aus Wasserkraft und Geothermie kostet gut zwei Cent je Kilowattstunde - das ist zweieinhalbmal billiger als in einem Donaukraftwerk möglich.

Die Dominanz der Alu-Industrie ist bereits so groß, dass man nun über andere Wege zur Vermarktung des Stroms nachdenkt. "Wenn die Wasserstoff-Technologie startet, wird Island der erste sein, der auf diesen Wagen aufspringt", so Helgason.

Andererseits könnten auch Pläne für Unterseekabel nach Schottland (1170 Kilometer) oder Norwegen aus den Schubladen geholt werden. Bei steigenden Energiepreisen könnte der Stromexport rentabel werden. Und zudem, so Helgason, wäre es für die Versorgungssicherheit Islands - sprich: für die angelockte Industrie - besser, wenn man an das europäische Stromnetz angeschlossen wäre. Denn jederzeit könne ein Vulkan ausbrechen und die Stromerzeugung empfindlich behindern.


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