Tourismus: Sommergast als Erlebnis-Junkie

Saisonale Schwankungen. Der heimische Tourismus sucht Wege aus der Sommerdepression.

Goldegg. Zukunftsforscher Andreas Reiter malt ein Schreckensszenario für den österreichischen Sommertourismus. "Unsere Chance liegt in der globalen Klimaerwärmung", meint er sarkastisch. Wenn Hitze und Hautkrebsrisiko an den Stränden des Mittelmeers zu groß werden, dann könnte Österreich wieder als Sommerreiseland punkten.

So lange wollen die Präsidenten der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) aber nicht warten. Sepp Schellhorn und Peter Peer luden zum Tourismus-Dialog ins Salzburger Goldegg und präsentierten dabei ihren "Erste-Hilfe-Koffer" für den kränkelnden Sommertourismus. Die Diagnose ist ernst: In den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der Nächtigungen im Sommer von 69 auf 59 Millionen. In diesem Zeitraum verlor Österreich 23 Prozent seiner deutschen Gäste.

Die ÖHV verlangt deshalb einen Tourismus-Masterplan. Das Budget der Österreich Werbung soll um zehn Mill. Euro aufgestockt werden. Mit diesem Geld soll vor allem die Internationalisierung vorangetrieben werden. Derzeit kommt die Hälfte der Gäste aus Deutschland, ein Viertel aus Österreich. "Während die Schweiz pro ausländischem Gast 4,12 Euro in die Werbung steckt, sind es in Österreich nur 1,74 Euro", sagt Peter Peer. Sepp Schellhorn kritisiert, dass Landestourismusorganisationen und Österreich Werbung mitunter unkoordiniert vorgehen. Da werden Märkte oft doppelt bearbeitet. Wird da Steuergeld ineffizient verwendet? "Ich vermute es", sagt Schellhorn.

Andreas Reiter spricht von einer "Aldisierung im Tourismus". Billigurlaub wird immer wichtiger. Der Anteil der Billig-Fluglinien am europäischen Flugreisemarkt betrage mittlerweile 25 Prozent, sagt Reiter. In fünf Jahren werde der Anteil bei 40 Prozent liegen. Auch Österreich profitiert von Air Berlin, Ryan Air und Co. Vor allem für den Städtetourismus sind Billigflieger mittlerweile von entscheidender Bedeutung geworden.

Die Billig-Airlines könnten Österreich auch wieder junge Gäste bescheren. Derzeit ist der durchschnittliche Sommergast 46 Jahre alt. Für Junge ist Österreich als Wintersportland beliebt, als Sommerreiseziel aber praktisch nicht vorhanden. "Uns bricht der touristische Nachwuchs weg", mahnt Schellhorn. Vor allem die Hotellerie habe zu wenige Angebote für Junge. So gibt es in Österreich 1180 Vier-Sterne-Hotels, aber nur 152 Zwei-Sterne-Hotels. Dieses Segment werde total vernachlässigt. Anstatt den Vier-Sterne-Bereich weiter aufzublähen, solle gute, aber preiswerte Qualität für die Jungen angeboten werden.

Bleibt die Frage: Was lockt den neuen Gast im Sommer in die Berge? "Wir müssen den Sommerurlaub inszenieren", sagt Zukunftsforscher Reiter. Er vergleicht den Tourismus-Manager gar mit einem Drogendealer, der die Dosis für seine Junkies stetig erhöhen müsse, um sie befriedigen zu können. Urlaub wird immer mehr zum "Event", zur "Show", auch zum "Exzess". Das liege an der sozialen Polarisierung in der Gesellschaft. Reiter spricht von der Zweiklassengesellschaft: Einerseits Leute mit viel Zeit und wenig Geld. Andererseits Menschen mit wenig Zeit und viel Geld.

Und diese wenige Zeit, die zum (Kurz)-Urlaub bleibt, will intensiv genutzt werden. Das müsse nicht automatisch Ballermann-Urlaub heißen, meint der Vordenker. Ein touristischer Zukunftsmarkt sei etwa die Sinnsuche. Reiter nennt es: "Das Wandern zum Ich."


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