STUDIE. "Entrepreneurship" führt nicht automatisch zu Wachstum.
Die Idee, dass unternehmerisches Handeln ("Entrepreneurship") eine wesentliche Voraussetzung für Wirtschaftswachstum ist, ist sehr alt, sie wurde etwa vom österreichischen "Groß-Ökonomen" Josef Alois Schumpeter stark betont. Doch überraschenderweise gibt es kaum empirische Untersuchungen zu diesem Thema. Das, so legen die drei Ökonomen Andr© van Stel, Martin Carree und Roy Thurik in einer Studie für das Max Planck Institut für die Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena dar, ist bisher vor allem an der schwierigen Datenlage gelegen.
Mit dem "Global Entrepreneurship Monitor", der vom Weltwirtschaftsforum erarbeitet wurde, habe sich das aber geändert. Darin enthalten ist ein Index namens "Total Entrepreneurial Activity" (TEA), der auf Umfragen aus dem Jahr 2002 unter jeweils 3000 Erwachsenen in 37 Staaten beruht. Als "Entrepreneurs" wurden dabei jene Menschen eingestuft, die entweder eine neue Firma gründen oder Eigentümer bzw. Chef von Unternehmen sind, die jünger als 42 Monate sind. Diese Daten wurden verknüpft mit dem Wirtschaftswachstum in der Zeit zwischen 1999 und 2003.
Geringeres Humankapital
In der ökonomischen Literatur gab es schon bisher Hinweise, dass es keine einfache Beziehung zwischen Unternehmertum und Wachstum gibt: dass nämlich ein hoher Anteil von Unternehmern in entwickelten Volkswirtschaften das Wachstum begünstigt, bei ärmeren Staaten aber hemmt.
Dieses paradox anmutende Ergebnis konnten die drei Ökonomen nun eindrucksvoll bestätigen: Das Unternehmertum wird umso wichtiger für das Wachstum, je höher das Wohlstandsniveau eines Landes ist. Die Schwelle, wo der Einfluss positiv wird, liegt der Studie zufolge bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 20.000 Dollar.
Wie erklärt sich dieser paradoxe Zusammenhang? Die Ökonomen schlagen zwei Mechanismen vor. So könnte eine Rolle spielen, dass es in ärmeren Ländern weniger große Unternehmen gibt, in deren Windschatten sich zahlreiche kleine, spezialisierte Firmen bilden und etablieren können. Die Konzerne fungieren dabei als Abnehmer, als Ideengeber oder als Know-How-Geber - etwa in der Ausbildung von Mitarbeitern, die sich später selbstständig machen.
Einen Einfluss könnte aber auch haben, dass in ärmeren Ländern das "Humankapital" der Unternehmer niedriger ist. Soll heißen: Der Anteil von Händlern oder Handwerkern an den Unternehmern ist wesentlich größer, und diese liefern keinen so hohen Beitrag für die Entwicklung des Wirtschaftsniveaus wie etwa High-Tech-Start-Ups. Mit den vorhanden Daten lässt sich diese Vermutung aber nicht prüfen.
Das solle aber nicht heißen, betonen die Ökonomen, dass ärmere Staaten die Gründung von kleinen Unternehmen nicht trotzdem fördern sollten - weil oft die einzige Alternative Arbeitslosigkeit heißt. Für ärmere Staaten sei es wahrscheinlich viel wichtiger, große Firmen zu etablieren. Erst wenn das geschehen ist, könnten Unternehmen im Gefolge florieren - und Schumpeters Grundgedanken zu seiner Wirkung verhelfen.