Gewerkschaft: "Diskussionswürdig" findet Spitzen-Gewerkschafter Rudolf Kaske den Vorschlag, erfolgreiche Unternehmen mit einem Kündigungsverbot zu belegen.
WIEN. Unternehmen, die schwarze Zahlen schreiben, sollen keine Mitarbeiter entlassen dürfen. Mit diesem Vorschlag sorgte der deutsche Gewerkschafter Uwe Foullong für Aufregung. Der Bundesvorstand der Gewerkschaft Ver.di rennt damit bei seinen österreichischen Kollegen offene Türen ein. Rudolf Kaske, Bundeschef der Tourismus-Gewerkschaft und Bundesvorsitzender-Stellvertreter der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter im ÖGB, hält den Vorschlag auch in Österreich für "diskussionswürdig".
Kaske geht im Gespräch mit der "Presse" sogar einen Schritt weiter. "Es muss auch über die Aufteilung der Unternehmensgewinne diskutiert werden", meint er. Hintergrund: Nicht nur Unternehmer oder Aktionäre, sondern auch die Mitarbeiter sollen laut Gewerkschaft am Gewinn eines Unternehmens beteiligt werden.
Was den Kündigungsschutz betrifft, fällt die Antwort von der Unternehmerseite relativ deutlich aus. "So eine dumme Idee kann nur ein Gewerkschaftsfunktionär haben, der nie in einem Betrieb gestanden hat", sagt Böhler-Uddeholm-Vorstandschef Claus Raidl. Der Verstoß der Gewerkschaft sei ein "Rückschritt zu den Todsünden der Planwirtschaft", meint der Manager. Am Beispiel der Verstaatlichten Industrie in Österreich könne man sich die Konsequenzen ausmalen. Damals lautete die Devise "Beschäftigungsmaximierung statt Gewinne zu erzielen". Das Desaster der Verstaatlichten habe die Steuerzahler knapp zehn Mrd. Euro gekostet, betont Raidl. Das wirtschaftliche Überleben eines Unternehmens hänge vom Produktivitätsfortschritt ab.
Deutsche Gewerkschafter hängen ihre Forderungen am Beispiel der Deutschen Bank auf. Der Konzern erzielte einen Milliardengewinn und baute trotzdem tausende Stellen ab. "Letztlich geht es darum, ob wir künftig eine Unternehmens- und Personalpolitik haben, die der Sozialen Marktwirtschaft entspricht oder eine, die der amerikanischen Hire-and-Fire-Mentalität folgt", sagte Foullong im Gefecht des deutschen Bundestagswahlkampfs.
Konkret fordert dort die Gewerkschaft eine Verschärfung des Kündigungsschutzes. Im Gesetz soll festgeschrieben werden, dass der Abbau von Stellen zur Steigerung von Gewinnen nicht als "dringender wirtschaftlicher Grund" geltend gemacht werden kann. Gerade im Zuge der Debatte um die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland und die steigenden Arbeitslosenzahlen in Österreich fordern viele Experten hingegen, den Kündigungsschutz zu lockern. Zu hohe Auflagen halten Unternehmen davon ab, neue Arbeitsplätze zu schaffen, lautet das Argument. Fazit: Wer Unternehmen mit Kündigungsverbot belegt, der verhindere damit die Schaffung neuer Arbeitsplätze.
Kaskes Forderung nach einer "gerechten" Verteilung des Unternehmensgewinns kann Raidl hingegen einiges abgewinnen. Dass Arbeitnehmer am Erfolg finanziell beteiligt werden, "dagegen habe ich nichts", sagt Raidl. Sein Konzern zahle bei Gewinnen Prämien an die Mitarbeiter aus. Eine Praxis, die bei vielen Firmen Gang und Gäbe ist.
Während der Tiroler Arbeiterkammer-Chef Fritz Dinkhauser vor geraumer Zeit deutsche Gastarbeiter als "Feinde" des Arbeitsmarktes bezeichnete, und sein Wiener Kollege Herbert Tumpel für Job-Barrieren eintritt, sieht Tourismus-Gewerkschafter Kaske die Situation für die österreichischen Arbeitnehmer weniger dramatisch. Das Match laute nicht "Ausländer gegen Österreicher, sondern Ausländer gegen Ausländer", erklärte Kaske am Freitag. Die knapp 6000 deutschen Arbeitnehmer, die in Österreich vor allem in der Gastronomie beschäftigt sind, verdrängen in erster Linie Arbeitnehmer aus Ost- und Zentraleuropa, so Kaske.
Eine Umfrage des Ifes-Instituts im Auftrag der Gewerkschaft ergab, dass die Unzufriedenheit der Arbeitnehmer im Tourismus relativ hoch ist. Besonders unzufrieden seien die Beschäftigten mit der Bezahlung, den Karrierechancen und den Arbeitszeiten. Positiv sei die "relativ hohe Arbeitsplatzsicherheit". Ifes-Sozialforscher Georg Michenthaler resümiert: "Tourismus ist für viele eine berufliche Sackgasse, aus der man besser früher als später rauskommen will."