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Hochkonjunktur haben nur die Pessimisten

In der Welt wachsen die Ängste vor dem Absturz. Fürchten muss man sich aber nur vor Politikern, die meinen, nötige Reformen mit Geld „wegdrucken“ zu können.

Optimisten meinen, dass wir in der besten aller Welten leben. Pessimisten wiederum fürchten, dass dem tatsächlich so ist. Das ist leider nicht von mir, sondern von einem Schriftsteller namens James Branch Cabell. Ein Mann, dessen Werke Anonymität genießen, dessen Name aber rasch im Netz auftaucht, wenn man nach brauchbaren Zitaten zum Thema „Optimismus“ sucht. Und das sollte man. Aphorismen mit aufhellenden Ausblicken sind wichtiger denn je. Vor allem, wenn man sein Geld in einer Wirtschaftsredaktion verdient und die aktuelle Lage zu umreißen versucht.

Dabei ist eines klar: Wir leben in keiner perfekten Welt, aber zweifellos in der besten, die der Menschheit bis dato zur Verfügung steht. Nie zuvor lebten so viele Menschen so gut wie heute. Selbst wenn in den Wohlstandshochburgen des Westens permanent die grassierende Verarmung der Massen beklagt wird, genießt der Durchschnittsbürger heute eine höhere Lebensqualität als die wenigen reichen Herrscherfamilien vor 200 Jahren. Vielleicht ist auch gerade deshalb die Angst vor dem Absturz so groß.

Verstärkt wird diese Furcht von einer nicht enden wollenden Flut an schlechten Nachrichten. Seit Jahren werden europäische Staaten unter größtem Einsatz vor dem Untergang gerettet. Die beunruhigenden Botschaften wollen trotzdem nicht verschwinden. Als machten Griechenland, Spanien und Portugal nicht genug Probleme, rutscht nun auch noch die Zuversicht deutscher Unternehmer in den Keller. In Brasilien, der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt, wurden im Mai mysteriöse Auftragseinbrüche registriert und an den Börsen sausen die Notierungen für Rohstoffe nach unten. Die Verbraucher freut das, die Volkswirte macht es nervös. Dahinter versteckt sich nämlich eine sinkende Nachfrage nach Rohstoffen – und das ist ein verlässlicher Indikator für das jähe Ende eines wirtschaftlichen Aufwärtstrends.

Vieles deutet also darauf hin, dass da irgendjemand den konjunkturellen Stecker gezogen haben könnte. Für Optimisten mag das reichlich absurd klingen, schließlich hören die Menschen seit Jahren, dass es nun bald so weit ist und die furchtbarste aller Weltwirtschaftskrisen über sie hereinbrechen wird. Nur spürt der Großteil der Bevölkerung noch nichts davon. Abgesehen von jenen, die ihren Job verloren haben und kaum Aussichten sehen, einen neuen zu finden.

Aber auch die sonnigsten Gemüter werden sich hin und wieder Gedanken machen, ob da nicht Größeres in Bewegung gekommen ist. Etwa, wenn Milliardenhilfen für ein marodes Euroland die Finanzmärkte gerade einmal für ein paar Tage beruhigen können. Oder wenn ein wirtschaftliches Schwergewicht wie Italien ziemlich offen eine weitere Finanzierung seines Staatshaushalts über die Notenpresse begehrt.

Das alles lässt nämlich den Schluss zu, dass die Rettungsgelder nicht wirken, sondern verpuffen. Vielleicht, weil sie zu klein dimensioniert waren, wie Nobelpreisträger Paul Krugman argumentiert. Oder aber, weil die Hilfen falsche Anreize setzen und deshalb nicht funktionieren. Wie in Italien. So legte Premierminister Mario Monti einen erfrischenden Start hin, mit vielen guten Vorschlägen. Kaum aber half die EZB dem Land dabei, sich weiterhin zu günstigen Konditionen zu verschulden, war es um den Reformeifer geschehen. Der Umbau des überregulierten Arbeitsmarktes stockt, die Steuermoral ist nach wie vor schlecht, der öffentliche Apparat ineffizient wie eh und je.

Bemerkenswert ist, dass Politiker heute zwar tagtäglich vor gefährlichen Brandherden warnen, aber die von ihnen verwalteten Staaten so tun, als wäre nichts. Sie geben unverdrossen Geld für Dinge aus, die schon in der Hochkonjunktur nicht bezahlt werden konnten. Deshalb fürchten sich die Menschen auch weniger vor einem „Kaputtsparen“ des Staates als vor der Illusion der Politik, mit dem Drucken von Geld über die Runden zu kommen und damit selbst sanfte Reformen nicht angehen zu müssen. Wäre das möglich, brauchte auch niemand mehr zu arbeiten. Sondern sich das Geld für den täglichen Bedarf einfach von der Notenbank drucken lassen und damit ins Geschäft laufen.

An die Funktionstüchtigkeit eines derartigen Geschäftsmodells glauben aber nicht einmal die optimistischsten Optimisten.

 

E-Mails an: franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2012)