In der Berliner Wilhelmstraße verwandelten die Nazis die früheren preußischen Ministerien in ihre Schaltzentralen des Terrors - mit unheimlichem Geschick, wie nun eine sehenswerte Ausstellung zeigt.
Es ist soweit. Wir sitzen in der Wilhelmstraße. Hitler ist Reichskanzler. Wie ein Märchen.“ Diese Zeilen schrieb ein euphorischer Joseph Goebbels im Jänner 1933 in sein Tagebuch. Mit seinen knappen, banalen Sätzen scheint der angehende Propagandaminister den Schreibstil auf Twitter vorwegzunehmen. Doch fanatische „Follower“ hatten die Nazis noch gar nicht so viele: Der Fackelzug, mit dem SA und SS die Machtübernahme feierten, wirkte wenig bedrohlich. Und Hitler, der huldvoll aus dem Fenster winkte, saß sonst recht einsam in seiner alten Reichskanzlei. Sie war umringt von den Ministerien mit einer Riesenschar meist bürgerlich-konservativer Beamter. Während Kanzler kamen und gingen, hatten sie für Kontinuität gesorgt– und dieses Naturgesetz der Bürokratie würde wohl auch der Parvenu aus Braunau nicht brechen.
Es sollte schrecklich anders kommen, und doch am selben Ort: in der Wilhelmstraße in Berlin, die ums Eck vom Brandenburger Tor fast zweieinhalb Kilometer nach Süden führt. Hier hatten schon im Kaiserreich alle wichtigen Ministerien ihren Sitz. „Was macht die Wilhelmstraße?“ war die Frage nach den Strategien der deutschen Politik, der Ort war ein Symbol wie Downing Street und Quai d'Orsay. 1937 ließ Goebbels in der Machtmeile den Fackelzug pompös nachstellen. Die Nazis waren dabei, ihr wahnhaftes „Märchen“ von Krieg, Rassenwahn und Völkermord in Szene zu setzen.
Die Fassaden der graziösen Barockpalais standen noch, wie eh und je. Doch hinter ihnen hatte der radikale Bruch mit der Zivilisation längst begonnen. Wie es dazu kam, lässt sich in Berlin aus einer neuen Perspektive erfahren. Die Stiftung „Topografie des Terrors“ zeigt bis 25.November eine Sonderausstellung zur Wilhelmstraße. Der Besucher wandelt zwischen Fotowänden der Häuserfronten. In den Fassaden aber öffnen sich Türen, die hinter die schönen Kulissen führen: In Wort und Bild wird die Verwandlung der demokratischen Institutionen in Tintenburgen des Bösen vorgeführt.
Minister als Marionetten
Die wichtigste Erkenntnis des Spaziergangs: Die „Nazifizierung“ der Ministerien erfolgte unheimlich geschickt. Um sich zu konsolidieren und das besorgte Ausland zu beruhigen, beließ das Regime oft vorerst die alten Minister – wie in den Ressorts Justiz, Finanzen, Verkehr. Doch ihnen wurden stramme Nazis zur Seite gestellt, die intern für die Ausrichtung sorgten: Juden und Regimegegner wurden entlassen, Parteigenossen befördert. Der Minister geriet peu à peu zum machtlosen Aushängeschild und wurde schließlich ersetzt. Im Auswärtigen Amt schien unter der bewährten Ägide des Diplomaten Konstantin von Neurath alles beim Alten zu bleiben. Doch die neue „Dienststelle Ribbentrop“ gleich gegenüber griff bald massiv in die Kompetenzen ein und führte wichtige Verhandlungen. 1938 wurde Ribbentrop Minister, das Haus widmete sich fortan der Vorbereitung des Krieges. Und nicht nur das: In einem Aktenvermerk wird 1942 die „reibungslose Zusammenarbeit“ mit der „für Judensachen zuständigen Dienststelle“ im Sicherheitshauptamt gelobt. Diese todbringende Kooperation funktionierte überall: Das Verkehrsministerium richtete eine „Gruppe für Sondertransporte“ ein, die für die Deportation der Juden in die Vernichtungslager zuständig war. Im Landwirtschaftsministerium galt „Blut und Boden“ als „Grundlage einer deutschen Agrarpolitik“. Was das konkret hieß, führte Minister Herbert Backe ab 1942 vor: Seinem „Hungerplan“ für die besetzten sowjetischen Gebiete fielen Millionen Menschen zum Opfer. Die Kommandozentrale des Terrors aber war das Prinz-Albrecht-Palais, der luxuriöse Bau eines französischen Barons mit anmutigem Garten. In seiner Beletage residierten Heydrich und Kaltenbrunner und lenkten die Massenvernichtung. Was die Ausstellung auch zeigt: Vor der Fusion zum „Reichssicherheitshauptamt“ 1939 hatten sich Gestapo, Sicherheitsdienst und Kriminalpolizei in einem Kompetenzgewirr im Weg gestanden. Die Maschinerie des Grauens war nicht von Anfang an gut geölt.
Eine Kanzlei für den Herrn der Welt
Hitler selbst wurde sein Amtssitz bald zu eng, ein Neubau musste her. Seinem Architekten Speer gab er die Vorgabe: „Wer die Reichskanzlei betritt, muss das Gefühl haben, vor den Herrn der Welt zu treten.“ Besucher durchquerten eine 300 Meter lange Raumfolge, ehe sie in Hitlers Arbeitszimmer standen – 400 Quadratmeter groß und mit Marmor verkleidet.
Von Pracht und Pomp ist fast nichts mehr zu sehen. Was nach Bomben und Brand noch stand, wurde in DDR-Zeiten abgerissen. Triste Plattenbauten säumen heute die Straße. Als unzerstörbar erwies sich das monströse, von den Nazis gebaute Luftfahrtministerium, in dem Göring mit einem Löwen und tausenden Beamten sein Unwesen trieb. Heute residiert hier Wolfgang Schäuble und wacht mit badischer Besonnenheit über die Finanzen eines wiedervereinten, demokratischen Deutschlands, das moralische Standards eher setzt, als sie zu brechen. Aus dieser Perspektive zeigt sich die hässliche Wilhelmstraße heute schöner als jemals zuvor.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2012)