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"In vielen Shoppingcentern schläft mir das Gesicht ein"

Handelschef nichts unternimmt wird
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Den innovativen Händler sieht Handelsverband-Präsident Stephan Mayer-Heinisch auf der Überholspur. Wichtig für die Standorte sei die Entwicklung der drei "A", sagt er im Interview mit DiePresse.com.

DiePresse.com: In den vergangenen Monaten war es sehr ruhig um den Handel. Geht es dem Handel derzeit so gut, dass er nicht mehr zu jammern braucht?

Stephan Mayer-Heinisch: Händler jammern immer, da haben sie Recht. Nein, die Händler beschäftigen derzeit mehrere Sorgen. Wir haben eine Handelslandschaft, die stark vom Wettbewerb geprägt ist. Es gibt neue Formate, die kommen und andere gehen. Zweitens haben es die Händler gegenwärtig mit einem verunsicherten Kunden zu tun. Der Kunde ist volatiler und nervöser geworden. Für mich auch kein Wunder, wenn jeden Tag in der Zeitung steht, dass die Krise um die Ecke lauert. Seit 2008 spielt sich die Krise vornehmlich in den Medien ab.

Aber Sie sehen doch auch, dass die Krise existent ist?

Natürlich gibt es immer irgendwo Krisen. Ich werde als Konsument aber jeden Tag mit ganz entsetzlichen Krisen konfrontiert. Jede Herabstufung eines Landes oder einer Bank wird als Katastrophe für die Welt dargestellt. Und jeder Rülpser, den ein linksradikaler Politiker in Griechenland loslässt, bringt Europa an den Abgrund. Für die Krise gibt es drei Ursachen: Erstens haben die Staaten zuviel Schulden gemacht, zweitens sind die Banken fahrlässig mit Geld umgegangen und drittens gibt es Medien, die fahrlässig mit der Wahrheit und der Realität umgehen. Das verunsichert natürlich die Kunden und führt dazu, dass Händler sehr abrupte Wendungen durchmachen müssen. Manchmal sind sie himmelhoch jauchzend, manchmal zu Tode betrübt. Und wir spüren dann im Handel, dass häufig Kleinigkeiten wie schlechtes Wetter zu Kaufzurückhaltung führen. Wozu brauche ich ein drittes T-Shirt oder ein drittes Paar Schuhe.

Jede Herabstufung eines Landes oder einer Bank wird als Katastrophe für die Welt dargestellt.

Stephan Mayer-Heinisch

Die Sparquote steigt aber auch nicht. Ist es nicht im Gegenteil sogar so, dass die zum Teil hohe Inflation in Verbindung mit den sehr niedrigen Zinsen viele Menschen auch veranlasst, mehr Geld auszugeben?

Ich bin kein Ökonom, sondern ein Händler. Ich sehe, die Kunden sind verunsichert, sie flüchten in reale Werte. Es wurden noch nie so viele Häuser und Wohnungen in Wien verkauft wie heute, und das zu Preisen, die eigentlich nicht mehr real sind. Die Menschen flüchten nur mehr in Vermögensschutz und in sichere Werte.

Menschen, die sich eine neue Wohnung leisten, müssen nicht so sparen wie Menschen, die ohnehin weniger haben. Läuft das Geld am Handel vorbei?

Das stimmt schon, aber die Menschen geben ihr Geld anders aus. Wir spüren keine oder kaum Zurückhaltung im Tourismus. Jetzt fahren die Menschen nicht unbedingt nach Ägypten, aber Kroatien, die Türkei und Spanien sind sehr gut gebucht. Wir sehen vernünftige Verkäufe bei den Elektronikhändlern, Fernsehgeräte wegen die Fußball-EM und der Olympischen Spiele gehen sehr gut. Auch die Autohändler spüren wenig von der Zurückhaltung.

Gelingt es dem Handel nicht die Kunden so für sich zu gewinnen, wie es der Tourismus schafft?

Das sehe ich nicht ganz differenziert. Dem innovativen Handel gelingt es allemal, der Standardhandel hat mit solchen Veränderungen Probleme. Der Kunde hat sehr breite Wahlmöglichkeiten für seine Einkäufe. Und der Konsument geht dorthin, wo er das Gefühl hat, dieser Händler ist im Trend. Heuer sind in der Modebranche bunte Hosen angesagt. Diejenigen Händler, die diese im Angebot haben, sind die Gewinner. Die, die diese Hosen nicht haben, machen kein Geschäft

Wird es dann in Zukunft mehr Fälle wie Schlecker geben?

Ich denke, man sollte einen solchen Fall nicht überdramatisieren. Jeder, der für die Kunden keine vernünftige Dienstleistung bringt, wird den Markt verlassen müssen. Es ist halt kein Konzept, mit B-Lagen in C-Städten einen Drogeriemarkt zu machen, der nichts kann.

Es muss doch eine Veränderung eingetreten sein, denn Schlecker war ja lange Jahren erfolgreich.

Ja, aber alle seine Mitbewerber waren in den letzten Jahren sehr erfolgreich. Diese Firmen haben hart gearbeitet und bringen eine besserer Marktleistung, subjektiv und objektiv, und dann ist der vierte oder fünfte in der Branche der Verlierer und entbehrlich. Die Konzentration im Handel ist auch ein großes Thema. Es ist aber nicht nur die Konzentration auf erfolgreiche Anbieter, sondern es hat sich die Konzentration auf erfolgreiche Standorte sehr ausgeprägt.

Es ist halt kein Konzept, mit B-Lagen in C-Städten einen Drogeriemarkt zu machen, der nichts kann.

Stephan Mayer-Heinisch

Was macht einen guten Standort aus?

Es sind die drei A, die Anfahrbarkeit, die Auswahl und das Ambiente.

In Gerasdorf nördlich von Wien entsteht mit dem G3 Shopping Ressort ein neuer Konsumtempel. Sehen Sie diese Verbindung von Shopping Mall und Fachmarktzentrum auch als neuen Trend?

Das sehe ich nicht als neues Element, denn wer beispielsweise mit offenen Augen durch Oberwart im Burgenland fährt, sieht dort die gleiche Symbiose, die es schon einige Zeit gibt. Aber Gerasdorf wird der letzte große Bomber in Österreich für die nächste Zeit sein, weil sich auch die Gesetzeslage doch sehr verändert hat. Der Standort wird aus meiner fernen Sicht betrachtet einen sehr ordentlichen Mietermix haben. Das G3 wird sich seinen Platz erobern, ob etwas früher oder etwas später, sei dahingestellt.

Aber der ordentliche Mietermix kommt doch erst durch die Verbindung von Mall und Fachmarkt zustande.

Diese nutzlose Unterscheidung ist etwas für Immobilienmakler und Handelsmanager, den Kunden interessiert das in keinster Weise, von wo er die Ware herbekommt. Er fragt sich nicht, bin ich jetzt in einer Shopping Mall oder in einem Fachmarktzentrum. Das ist keine Konsumentenfrage. Der Kunde möchte gut bedient werden, er entscheidet aus dem Bauch über Wohlbefinden oder nicht. Auch viele Händler haben das erkannt und fahren ihre Konzepte erfolgreich an beiden Locations. Es gibt genügend Unternehmen, die das können. Ich halte diese Frage für überbewertet. Viel entscheidender sind Fragen wie Erreichbarkeit und Aufenthaltsdauer.

Die Konkurrenz zwischen den Standorten ist groß. Wer wird, wenn jetzt ein Großer wie Gerasdorf in den Markt drängt, Anteile verlieren?

Es kann Verlierer aus dem Wiener Umland und aus der Stadt Wien geben. Aber das ist nichts Neues. Wenn ein guter Mitbewerber auf den Markt gekommen ist, haben andere immer verloren oder gar zusperren müssen.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Online-Shopping? Der stationäre Handel wird in einigen Jahren doch arg in Bedrängnis kommen, da der Kuchen nicht größer wird.

Die neuen Technologien werden sich einen Weg suchen, genau wie das Wasser sich ein Flussbett sucht. Wer hätte vor fünfzehn Jahren gedacht, dass wir einmal eine derartige Vielzahl von Handy-Shops haben werden. Und wer hätte sich vor 50 Jahren vorstellen können, dass wir keine Kohlengeschäfte mehr brauchen. Der Handel lebt von dieser Innovation und von Veränderungen und genauso wird er mit dem Internet umgehen. Da gibt es natürlich Produktgruppen, die besser dran sind, und welche weniger gut. Es gibt auch Produktgruppen, wo es eine höhere Umtauschquote gibt und welche, wo diese niedriger ist. Ein Sackerl Mehl wird man weniger häufig umtauschen als ein T-Shirt. Aber das ist nur ein Anfang. ich glaube, dass sich im Handel noch viel mehr ändern wird. Betrachten sie doch nur einen Apple-Store, das ist ein reiner Showroom. Das ist nur mehr zum Teil Konsum, das spielt Unterhaltung eine große Rolle und wird genau so akzeptiert.

Hinkt der nationale Handel hier hinterher?

Wenn ich heute durch manche Innenstädte oder Shopping Center gehe, schläft mir das Gesicht ein, was dem Kunden heute noch zugemutet wird. Einige Unternehmen, die es nicht schaffen sich zu verändern, werden versinken. Da muss ich nochmals auf Schlecker zurückkommen. Der hat nichts getan, der wird verschwinden und anderen breiteren Raum lassen. Und letztlich ist es auch egal, wenn jemand ein gutes Produkt hat, ob dieses aus Taiwan, aus Kopenhagen oder aus Wien kommt. Aber es gibt auch gute nationale Unternehmen hier. Das Unternehmen Fussl ist zu einer nationalen Größe im Textilbereich aufgestiegen. Und ich schau mir den Sutterlüty in Vorarlberg an, der dann neben 20 internationalen Käsesorten noch 70 regionale im Sortiment führt und es als Teil einer großen internationalen Organisation schafft, den lokalen Bedürfnissen der Konsumenten nachzukommen.

Die Regionalität wird überhaupt ein wichtiges Thema, vor allem im Lebensmittelhandel. Der Kunde sucht Innovation, entweder auf der Produktseite, auf der Entertainmentseite oder auf der Serviceseite. Dass beispielsweise beim Buchhändler Thalia, ausgelöst durch das Online-Shopping, jetzt Flächen "frei" werden und diese durch den Computerhändler DiTech mit einer affinen Produktwelt ersetzt wird, finde ich hervorragend. Das ist für mich Innovation. Die Systemgastronomie eines Vapiano (Anmerkung der Redaktion: Anbieter italienischer Speisen, der die Idee von schnellem und gesundem Essen mit Qualität und Atmosphäre kombiniert) stellt eine totale Bereicherung dar. Wir brauchen keine Verteidigung des Systems, sondern eine Weiterentwicklung.

 

Im zweiten Teil des Interviews mit Stephan Mayer-Heinisch am kommenden Mittwoch (4.Juli 2012) lesen Sie über die Erwartungen des Handels an die Politik und warum Bürgermeister die Rolle der Einkaufsstraßen-Manager als ihre oberste Aufgabe sehen sollen.

Zur Person

Stephan Mayer-Heinisch ist als Unternehmensberater tätig und Präsident des Österreichischen Handelsverbandes, einer freiwillige Interessenvertretung von derzeit mehr als 150 großen Handelsbetrieben. Zudem ist er Obmann des Österreichischen Shopping Center-Verbandes (ACSC). Der studierte Jurist war viele Jahre Geschäftsführer und Konzernsprecher bei der Leder&Schuh AG, deren bekannteste Unternehmenstochter Humanic ist.