OECD ortet keinen Massenexodus aus Nordafrika

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Die Folgen des Arabischen Frühlings auf die Migrationsströme nach Europa hielten sich in Grenzen. Nach Berechnungen der OECD-Experten kamen im Vorjahr die meisten Einwanderer aus Tunesien.

Paris/Wien/La. Dass der Arabische Frühling auch Auswirkungen auf die globalen Migrationsströme haben würde, liegt angesichts der Heftigkeit der Turbulenzen in Nordafrika und der geografischen Nähe zum wohlhabenden Europa auf der Hand. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat versucht, die Konsequenzen des politischen Flächenbrands in der Region zu analysieren. In ihrem gestern präsentierten jährlichen Migrationsbericht (nähere Details auf Seite 17) widmen die OECD-Experten ein Kapitel der Auswanderung nach den Umwälzungen in Tunesien, Libyen und Ägypten.

Eines vorweg: Eine Völkerwanderung, wie sie vielerorts befürchtet wurde, hat es im vergangenen Jahr nicht gegeben – wobei die Studienautoren zugeben, dass es momentan noch zu früh sei, die Folgen des Arabischen Frühlings zu beziffern. Um die Dimension des Phänomens richtig erfassen zu können, nahm die OECD italienische Daten als Maßstab – denn Italien (bzw. die italienische Insel Lampedusa) ist von Tunesien und Ägypten besonders leicht zu erreichen. Nach Angaben der EU-Grenzbehörde Frontex wurden in Italien 2011 insgesamt 56.000 illegale Grenzübertritte verzeichnet.

Nach Berechnungen der OECD-Experten kamen im Vorjahr die meisten illegalen nordafrikanischen Einwanderer aus Tunesien, wo der Arabische Frühling seinen Anfang nahm. Ihre bevorzugte Destination war demnach Frankreich: Hier wurde 2011 eine Vervierfachung der Aufgriffe illegaler Einwanderer aus Tunesien registriert.

Gastarbeiter auf der Flucht

Sprunghaft angestiegen ist auch die Zahl der Migranten aus Libyen – wobei es sich in den allermeisten Fällen nicht um Libyer gehandelt hat, sondern um Gastarbeiter aus Zentral- und Ostafrika, die das revolutionsbedingte Chaos bei der libyschen Grenzsicherung genutzt haben, um nach Europa überzusetzen. Dieser Trend fiel den Studienautoren auch bei der Auswertung der Schweizer Asyldaten auf: Den größten Anstieg gab es 2011 bei Asylanten aus Eritrea und Nigeria – die offenbar die Route über Libyen und das Mittelmeer gewählt haben. Einzig der Machtwechsel in Ägypten scheint keine Auswirkungen auf die internationalen Migrationsstatistiken gehabt zu haben.

Die OECD-Daten verdeutlichen auch, wie rasant sich die Lage in Syrien verschlechtert hat. So hat sich 2011 die Zahl der asylsuchenden Syrer in Deutschland auf Jahressicht nahezu verdoppelt. Angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände dürfte sie heuer weiter steigen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2012)

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