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Film-Reboot: Dieser Spider-Man ist verdammt und verloren

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(c) AP (Jaimie Trueblood)
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In „The Amazing Spider-Man“ beginnt die Spinnenmann-Saga wieder von vorn. Regisseur Mark Webb wollte den Helden düsterer und gefährlicher machen. Doch es wurde die nutzloseste Hollywood-Produktion des Jahres.

Wer versucht, Hollywood mit herkömmlicher Logik zu kommen, hat schon verloren. Was zählt, ist allein der (Film-)Markt mit all seinen tatsächlichen und imaginierten Bewegungen und Strömungen. Und dann kommt ein Studioboss auf die Idee, keine Fortsetzung zur enorm erfolgreichen und insgesamt auch sehr tollen „Spider-Man“-Trilogie von Blockbuster-Innovator Sam Raimi in Auftrag zu geben – sondern wieder von vorn zu beginnen.

„Reboot“, also in etwa „neu aufsetzen“, nennen Ökonomen diese Maßnahme zur Lebenszyklusverlängerung eines schon hinreichend bekannten Produkts. In der Filmindustrie hat sie sich spätestens ab dem Moment durchgesetzt, an dem via Pressemitteilung erklärt wurde, dass Christopher Nolans Fledermausmann-Rückbesinnungsthriller „Batman Begins“ eingeschlagen ist wie eine Bombe. Mittlerweile sind die meisten großen Superhelden, darunter die „X-Men“ und „Superman“, neu aufgesetzt worden. Aber kein Projekt wirkt auf den ersten Blick so verloren und verdammt wie „The Amazing Spider-Man“.

 

Biss der genmanipulierten Spinne

Eigentlich hatte Sam Raimi bereits mit den Vorbereitungen zu „Spider-Man 4“ begonnen: Nach Zerwürfnissen mit dem Studio bezüglich Budget und Drehbuch kam das Projekt zum Stillstand. Schon wenige Tage danach wurde der Reboot von „Spider-Man“ bestätigt. Die den Medien zugegangenen Informationen unterstrichen, dass man den Superhelden neu aufsetzen, ihn wie „Batman“ düsterer und gefährlicher machen wolle. Die Grundfesten der Geschichte sind allerdings gleich geblieben: Erneut wird davon erzählt, wie der bei Onkel und Tante (wunderbar: Martin Sheen und Sally Field) lebende Vollwaise Peter Parker (Andrew Garfield) sein Außenseiterleben bewältigt, bis er in einem Labor von einer gentechnisch veränderten Spinne gebissen wird.

Reptilien-DNA für den Arm

Die darauf eintretenden körperlichen Veränderungen dynamisieren den Entwicklungsroman des Burschen, der sich eine Superhelden-Persona auf den Leib schneidert: Sobald er den rot-blauen Ganzkörperanzug überstreift, verwandelt sich der schüchterne Peter Parker in den über Mauern kraxelnden, sich durch Häuserschluchten schwingenden und mit Spinnenseide schießenden Spider-Man. Genretypisch spiegelt sich seine eigene Mutation in der eines Widersachers: „The Amazing Spider-Man“ trifft auf den eigentlich grundguten, aber überambitionierten Wissenschaftler Dr. Curtis Connors (Rhys Ifans), der davon träumt, mittels Reptilien-DNA seinen während eines Kriegseinsatzes verlorenen Arm nachwachsen zu lassen. Selbstredend macht sich das experimentelle Serum selbstständig und verwandelt den Doktor in einen Echsenmenschen. Zwischen den beiden Superkräftigen steht eine „damsel in distress“, diesmal verkörpert von der zuckersüßen, pausbäckigen Emma Stone.

„The Amazing Spider-Man“ ist vielerlei Hinsicht die Antithese zu Sam Raimis „Spider-Man“-Filmen: Wo der mit wilden Schauwerten, prägnanten Charakteren und sanftem Retro-Styling dem romantischen Eskapismus der Fünfziger- und Sechzigerjahre huldigte, ist die Neufassung vollständig in der Gegenwart verankert.

 

Der Superheld darf auch Unterdrücker sein

Es ist durchaus programmatisch, dass das Studio den spektakelfilmunerfahrenen Mark Webb als Regisseur verpflichtet hat: Dessen Indie-Komödie „(500) Days of Summer“ aus dem Jahr 2009 entwickelte sich vor einigen Jahren zum Überraschungserfolg. Sein Spider-Man zeigt sich bestimmt von einem unaufgeregten Realismus, einer Art von Comicfilm-Naturalismus, der den Fokus auf die Charaktere legt und unnötige Sperenzchen vermeidet. Webb erlaubt seinem Superhelden-Boy charakterliche Ambivalenz. Er darf wütend und eigennützig sein und wird nach dem Tod seines Onkels von Schuldgefühlen zermalmt.

Als dann noch sein Schwarm Gwen (Emma Stone) in Lebensgefahr schwebt, vermischen sich Hormone und Heldentum endgültig, produzieren einen Spider-Man, der nicht mehr nur Erlöser, sondern durchaus auch Unterdrücker ist oder zumindest sein könnte. Aber während Christopher Nolan in seinen „Batman“-Neudeutungen die inneren Konflikte der Hauptfigur auch über die Ästhetik verhandelt, liegt „The Amazing Spider-Man“ vor einem wie ein teurer Fernsehfilm. Die inszenatorische Vision von Marc Webb besteht vorwiegend aus einem Herunterdimmen der Spektakelwerte und ist damit nur das jüngste Beispiel einer schleichenden Umdeutung des Blockbuster-Kinos. Wo früher die Devise „Weiter! Schneller! Lauter!“ zum Mantra vieler Produktionen erhoben wurde, ersetzt eine neue Generation von Regisseuren den Exzess durch Introspektion. Komplexe Figuren und ihre komplexen Beziehungen rücken ins Zentrum, statt Gut-Böse-Dichotomie regiert die moralische Ambivalenz.

Zumindest im Fall von „The Amazing Spider-Man“ reicht das nicht: Mit einer herausragenden Filmtrilogie im Nacken und zu wenigen eigenen Ideen, um einen Multimillionen-Dollar-Neustart der Reihe zu rechtfertigen, ist Webbs Superhelden-Sause zwar ein angenehm unterspieltes Vergnügen, zugleich aber auch die nutzloseste Hollywood-Produktion des Jahres.

Die Spider-Man-Chronik

1962 kam Spider-Man erstmals in einem Comic des Marvel-Verlags vor, 1967 hatte er Premiere im Fernsehen, 1978 wurde die TV-Serie „The Amazing Spider-Man“ produziert.

2002 kam der Film mit Tobey Maguire in der Hauptrolle ins Kino, Teile zwei und drei (mit einem Budget von 258 Millionen Dollar die teuerste Film aller Zeiten) folgten 2004 und 2007. Die Produktion von „Spider-Man 4“ wurde gestoppt, stattdessen kommt nun „The Amazing Spider-Man“, gedreht in 3-D. Weltweiter Kinostart ist am 28.Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.06.2012)