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Abhörtunnel und Skandale: Die Spionagehochburg Wien

ARCHIVBILD: HELMUT ZILK ANNO 1998
ARCHIVBILD: HELMUT ZILK ANNO 1998APA
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Amerikaner und Russen schickten tausende Agenten in die Bundeshauptstadt, namhafte Politiker verrieten Geheimnisse an die Tschechoslowakei. Ein Überblick über die bekanntesten Spionagefälle in Österreich.

In der Welt der Geheimdienste spielt Österreich seit jeher eine gewichtige Rolle und tut das immer noch. So tauschen die USA und Russland im Jahr 2010 in einer spektakulären Aktion am Flughafen Schwechat aufgeflogene Spione aus. Ein Jahr zuvor wurde in Wien Umar Israilov auf offener Straße erschossen. Der Asylwerber war Widersacher des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, sollte gegen ihn beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als Kronzeuge aussagen. Das Wiener Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT) sieht in seinem Abschlussbericht Kadyrow als Drahtzieher hinter dem Mord. Auch der russische Geheimdienst soll Israilov auf einer Todesliste gehabt haben.

Österreichs Verfassungsschutz weiß um die Aktivitäten weltweiter Geheimdienste in Wien. In seinem Abschlussbericht 2011 heißt es: „Die Anzahl erkannter und verdächtiger nachrichtendienstlicher Mitarbeiter in den Legalresidenturen der verschiedenen diplomatischen Vertretungsbehörden ist weiterhin hoch." Wegen des Sitzes mehrerer internationaler Organisationen sei Österreich „ein Umschlagplatz für nachrichtendienstliche Informationen".

Vor allem Beschaffungsversuche von Ländern wie dem Iran und Nordkorea könnten festgestellt werden. Strafe droht den fremden Agenten nur, wenn sie ihre Aktivitäten gegen Österreich richten - oder wenn diese militärischer Natur sind. Ansonsten lässt Österreich die Spione ihr Werk verrichten.

Nach dem Weltkrieg: Telefonleitung angezapft

Aber schon nach Ende des Zweiten Weltkriegs und während des Kalten Kriegs galt Wien als Hochburg der Geheimdienste. Die USA schätzten damals, dass für Geld, Alkohol und Zigaretten jeder zehnte Österreicher als Informant zur Verfügung stehen würde. Auch Leopold Figl, von 1945 bis 1953 Bundeskanzler der Republik, werden gemeinsame Frühstücke mit US-Agenten nachgesagt. Die hatten sich in unmittelbarer Nähe seiner Villa eingemietet.

500 Mitarbeiter soll die amerikanische CIA in Wien in den 1960er Jahren unterhalten haben, gar 1500 der russische Geheimdienst. Der größte Coup der westlichen Besatzungsmächte war Operation Silver. Briten und Amerikaner gruben einen Tunnel unter die sowjetische Besatzungszone Wiens und zapften eine Telefonschaltstelle der Militärführung an. Monatelang waren sie so an wichtige Informationen gelangt - bis der Tunnel dann einstürzte. Die Sowjets hatten von der Aktion nichts bemerkt.

In der Monarchie: Kundschafter und Verräter

Geheimdienste habe in Österreich eine lange Tradition. Im 19. Jahrhundert war die österreichische Monarchie selbst bestrebt, eine Großmacht zu bleiben und sammelte in Wien Informationen aus dem ganzen Reich. Das Evidenzbüro war Stabsstelle des kaiserlich und königlichen Kriegsministeriums, hatte seit 1850 überall in der Monarchie seine Kundschaftsstellen und berichtete dem Kaiser persönlich. Geringe finanzielle Mittel beschränkten die Macht der Spionageabteilung allerdings.

Ein Aufschrei ging 1913 durch den kaiserlich und königlichen Geheimdienst. Agenten war ein Brief mit Geld und verdächtigen Notizen aufgefallen. Monatelang observierten sie eine Poststelle in Wien und warteten, bis der Empfänger ihn abholen würde. Sie waren entsetzt, als schließlich ihr ehemaliger Chef die Sendung in Empfang nahm.

Oberst Alfred Redl wurde als Doppelspion entlarvt. Der ehemalige stellvertretende Leiter des Evidenzbüros und Mitglied des Generalstabs hatte dem russischen Zarenreich jahrelang Informationen zukommen lassen darunter möglicherweise auch kriegsentscheidene Schlachtpläne. Max Ronge, Leiter des Büros, soll ihm daraufhin einen Revolver und Gift gegeben haben. Am nächsten Tag war Redl tot, er hatte sich erschossen. Ronge wirkte bis zu seinem Tod im Jahr 1953 wesentlich am Aufbau österreichischer Geheimdienste mit.

Österreicher im Dienste der CSSR

Spionageskandale ohne Todesfolge, aber mit harten Strafen erlebte einige Jahrzehnte später auch die Zweite Republik: 1968 wurde mit Josef Adamek ein Spitzel im Bundespressedienst enttarnt. Er arbeitete für den Geheimdienst der Tschechoslowakei (CSSR), der ihn mit Wissen über außereheliche Abenteuern erpresste. Wenig später weitete sich die Affäre aus. Ein Ministerialrat im Handelsministerium wurde aufgedeckt. Er hatte Informationen über den heimischen Energiesektor weitergeleitet.

Im Oktober 1968 nahm die Polizei den Ex-Staatspolizisten Johann Ableitinger in Gewahrsam. Ein Gericht verurteilte ihn zu zweieinhalb Jahren Haft. Auch er hatte den Diensten der CSSR sensible Daten weitergeleitet, zu denen er als Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes Zugang hatte. Er hatte Daten aus Melderegistern, von der Fremdenpolizei und aus Verhören von Flüchtlingen aber auch an den deutschen Bundesnachrichtendienst verkauft.

Spione in hohen Ämtern

Österreichs Spionageaffären reichten bis tief in die hohe Beamtenschaft. Alois Euler war Pressereferent des damaligen Innenministers Franz Soronics. Er versorgte Prag jahrelang mit Staatsgeheimnissen und vermutlich auch mit Protokollen aus Verhören von Flüchtlingen. 1968 verhaftete ihn die Polizei. Ein Jahr später verurteilte ein Richter ihn zu drei Jahren Kerkerhaft.

Karl Erwin Lichtenecker, ebenfalls Mitarbeiter im Bundespressedienst, gab Informationen aus dem Bundeskanzleramt preis. Zur Weitergabe der Informationen an Prager Agenten verwendete unter anderem er einen toten Briefkasten bei öffentlichen Toiletten am Hohen Markt.

Zilk oder Holec?

Der brisanteste Fall drang spät an die Öffentlichkeit, wurde nach Jahren der Gerüchte erst 2009 ins Rollen gebracht. Helmut Zilk war leitender Journalist im ORF, Unterrichtsminister, Bürgermeister von Wien - und er war „Holec". Unter diesem Decknamen soll Zilk in Österreich spioniert und zwischen 1965 und 1968 dem tschechoslowakischen Geheimdienst Stb (Statni Bezpecnost) Informationen über seinen Parteikollegen Bruno Kreisky und die VP-Alleinregierung unter Josef Klaus geliefert haben. Zilk erhielt dafür über Verbindungsmänner wie Ladislav Bittman Geld und Sachgeschenke.

Die Staatspolizei soll über Zilks Aktivitäten Bescheid gewusst haben, auffliegen ließ sie den 2008 Verstorbenen nicht. Warum, darüber rätselte auch der Dienst der CSSR. In einer mittlerweile zugänglichen Aktennotiz aus dem Jahr 1969 wurde vermutet, dass Holec auch für feindliche Dienste arbeiten könnte. Bis heute werde der Fall Zilk „bagatellisiert", sagte der Geheimdienstexperte Siegfried Beer unlängst in einem Interview mit DiePresse.com. (al)