Es gibt sie noch, die guten Nachrichten mit Qualität. Wie jene vom mächtigen Banker, der uns etwas zurückzahlt.
Diese Auftragsarbeit einer Kolumne der zarten Hoffnung habe ich mit ehrlicher Freude entgegengenommen. „Schreib doch mal was Nettes über die schöne Zukunft“, sagte mir vor zwei Wochen ein vor Energie strotzender Kollege, der sonst Werke vom Untergang des Abendlandes liest, als wären sie leichte Liebesromane. Ich stelle mich also dem Optimismus, dessen lateinischer Ursprung besagt, dass die beste aller Welten die unsere sei. Für den, der sie nützt. Wer, wenn nicht ein Gegengift-Kolumnist, der programmatisch daran glaubt, dass Vergiftungen heilbar sind, findet sich nur die richtige Portion Antidot, wäre besser geeignet, an das gute Ende zu glauben?
Dazu noch ein Geständnis. Als junger Mann wollte ich eine Dissertation verfassen: „Momente der Heiterkeit im Spätwerk Arthur Schopenhauers“, ein Unterfangen, das garantiert frei vom Plagiat gewesen wäre und durchaus erbaulich. Mit Bestimmtheit wusste ich schon auf der ersten Seite der Lektüre, dass ich alle Texte des Meisters des Aphorismus lesen würde. Aber ich fand keinen Dissertationsvater für diese bahnbrechende Arbeit. Und auch das war gut so. Denn beim Studieren von Schopenhauer traf ich auf den frühen Nietzsche und kam aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Der nämlich war der fröhlichste aller Geisteswissenschaftler. Mit solchen Leuten als Erzieher kann man gar nicht anders, als frech pfeifend durch eine Welt der Schönfärber zu wandeln.
Seit zwei Wochen lese ich aufmerksam Qualitätszeitungen und finde tatsächlich so viel Erfreuliches, dass von Krise keine Rede sein kann. Etwa über Bankmanager, die von manch kleinem Geist inzwischen „Bankster“ genannt werden, als handle es sich um ungewöhnliche Gangster. Das stimmt nicht! Bankdirektoren sind reine Menschenfreunde, die auch das Geld lieben. Und wenn sie sich einmal verrechnen, dann machen sie es wie Bob Diamond. Sie beichten und bereuen ihre Fehler.
Klug Geprellte. Herr Diamond leitet Barclays. Dieses Londoner Firma hat ein paar Zahlen durcheinander gebracht, als es um obskure Zinssätze ging, sicher nicht aus Böswilligkeit, sondern weil die Finanzwelt eben furchtbar kompliziert ist. Wie sagte schon Schopenhauer: „Kein Geld ist vorteilhafter angewandt als das, um welches wir uns haben prellen lassen, denn wir haben dafür unmittelbar Klugheit eingehandelt.“
Barclays wollte seine Kunden so richtig weise machen. Aber nun muss die größte britische Bank 290 Millionen Pfund Strafe zahlen, weil alle Kunden solidarisch draufgezahlt haben. Und was tut Diamond? Er verzichtet auf seinen künftigen Bonus, der in geringer Millionenhöhe gelegen wäre. Das ist wahrer Adel. Vor den Vorhang, Herr Generaldirektor! Wenn das Beispiel Schule macht, wird die nervöse Welt der Wirtschaft bald eine bessere sein, denn bei den Zinsen haben sich so wie Barclays mindestens 40 der größten Banken der Welt ein bisserl geirrt. Es ist hoffentlich zu erwarten, dass sich auch die übrigen Herren über unsere Kreditwürdigkeit reumütig melden und ihre Fehler ausmerzen – in cash. Payback Time!
Von den zurückgezahlten Boni wird jeder Europäer auf einen Griechenland-Urlaub eingeladen. Somit wäre auch Hellas saniert. Nein, die Welt ist nicht schlecht. Wagen wir einen Ausblick in die helle Ferne. Ein Optimist sagte: „Wenn der Mensch sich nicht mehr für böse hält, hört er auf, es zu sein.“
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)