Der Menschheit geht es besser als je zuvor

Menschheit geht besser zuvor
Der Menschheit geht es besser als je zuvorReuters

Durch den Siegeszug der Marktwirtschaft werden weltweit die Reichen reicher und die Armen reicher. Vor allem in Schwellenländern haben nun Millionen einen Lebensstandard, der früher dem Westen vorbehalten war.

Wien. Für griechische Werftarbeiter und spanische Studenten mag es zwar ein schwacher Trost sein. Doch anderswo geht es immer noch bergauf. Und wie! Die Turbinen der asiatischen Giganten laufen auf Hochtouren. Um satte 8,2 Prozent wird die chinesische Wirtschaft heuer wachsen, die indische um 6,6 Prozent. Auch Afrika boomt. Allein Nigeria legt um sieben Prozent zu. Insgesamt prognostiziert die Weltbank für 2012 ein globales Wirtschaftswachstum von 3,3 Prozent.

Vergessen wir für einen Moment die seit vier Jahren beschworene Krise. Stellen wir den Euro-Blues ein paar Minuten lang auf lautlos. Wagen wir es, optimistisch zu sein. Was dazu Anlass gibt? Die Erfahrung, die Fakten. Krisen, Kriege und Krankheiten konnten den langen Marsch der Menschheit in eine bessere Zukunft vielleicht verzögern, stoppen konnten sie ihn nicht. Noch nie zuvor ging es den Bewohnern dieses Planeten so gut wie heute.

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Der Anteil der Ärmsten halbierte sich

Und anders als vielfach behauptet, werden nicht nur die Reichen reicher, sondern auch die Armen. Musste laut UNO im Jahr 1990 noch fast die Hälfte aller Menschen in den Entwicklungsländern von weniger als einem Euro pro Tag leben, so ist es heute nur noch ein Viertel. Auch absolut stehen die Chancen gut, dass diese Zahl bis 2015 auf 920 Millionen Menschen fällt – nur mehr die Hälfte des Wertes von 1990. Und mehr Geld bedeutet bei den Ärmsten der Welt vor allem einmal: weniger Hunger. Statt jedem fünften Bewohner der Entwicklungsländer gilt heute nur noch jeder siebente als unterernährt.

Doch nicht nur der direkte materielle Wohlstand ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Auch „immaterielle“ Werte wie Gesundheit und Bildung profitierten davon. So erhalten heute 90 Prozent aller Kinder im Volksschulalter weltweit eine primäre Schulbildung. Vor 22 Jahren lag dieser Wert noch bei 84 Prozent. Besonders kräftig fiel die Zunahme in der ärmsten Region der Welt aus: in Schwarzafrika. Dort stieg der Anteil der Kinder, deren Familien es sich leisten können, sie in die Schule zu schicken, von 58 auf 76 Prozent.

Dieser höhere Bildungsgrad senkt wiederum Faktoren, die Menschen bei ihrem Ausstieg aus der Armut behindern – etwa ungewollte Geburten im Teenageralter. Statt 65 Kindern je 1000 unter 19-Jährigen, wie 1990, werden heute in den Entwicklungsländern nur noch 52 Kinder je 1000 weibliche Teenager geboren. In der entwickelten Welt sank dieser Wert ebenfalls leicht von 29 auf 23 Kinder.

 

Globalisierung bringt weltweit Fortschritt

Zwei gewaltige treibende Kräfte haben die positive Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten beschleunigt: die Marktwirtschaft und die menschliche Erfindungsgabe – vor allem in der modernen Kommunikationstechnologie. Nicht nur Waren und Geld zirkulieren deutlich schneller und ungehemmter als früher um die Welt, sondern auch Ideen. Das Internet macht es möglich. Von Jahr zu Jahr steigt weltweit die Anzahl der Patente. Mehr als 1,6 Millionen Ideen werden jedes Jahr laut World International Property Organisation als Patent angemeldet. Irgendwo auf der Welt erfindet jede Minute irgendjemand etwas, was unser Leben wieder angenehmer macht. In der Forschung, in der Produktion, auf allen erdenklichen Gebieten breitet sich die Arbeitsteilung in Windeseile bis in den letzten Winkel des Globus aus – und damit auch der Wohlstand.

Denn durch die globale Vernetzung profitieren längst nicht mehr nur die entwickelten Länder der Ersten Welt vom technischen und wirtschaftlichen Fortschritt. Allein in China hat der Kapitalismus der KP in weniger als einer Generation 300 Millionen Menschen aus der Armut in den Mittelstand gehoben. Dem durchschnittlichen Bürger der Volksrepublik geht es heute zehnmal besser als vor 30 Jahren. Und auch hier profitiert neben der gut situierten Oberschicht in den großen Städten auch der einfache Wanderarbeiter – wenn auch etwas langsamer. So konnten die ärmsten 20 Prozent der chinesischen Bevölkerung seit den frühen 1990ern ihr Haushaltseinkommen pro Jahr um sechs Prozent steigern, die reichsten 20 Prozent hatten sogar einen jährlichen Zuwachs um zwölf Prozent.

Doch auch in Indien, Brasilien, Indonesien und in der vergangenen Dekade sogar in Afrika wurden die Menschen wohlhabender. Der indisch-amerikanische Publizist Fareed Zakaria hat eine eingängige Formel für das Phänomen gefunden: „The rise of the rest“ – der Aufstieg der anderen. Europäer und Amerikaner müssen vor diesem Trend keine Angst haben, denn auch sie profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung in Staaten, die vor ein paar Jahren noch naserümpfend zur Abstiegszone gezählt wurden, zur sogenannten Dritten Welt.

Grafik: Die Presse

Matt Ridley, der säkulare Faktenpapst der Zuversichtlichen, hat in seinem Buch „The Rational Optimist“ das statistische und argumentative Futter für eine entspannte Sicht auf den Lauf der Welt geliefert. Der durchschnittliche Erdenbewohner hatte im Jahr 2005 dreimal so viel Geld (inflationsbereinigt) wie 1955, sein Essen war um ein Drittel kalorienreicher, seine Lebenserwartung stieg um ein Drittel. Und das, obwohl sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelte.

Einzelbeispiele gefällig? In China lebten die Menschen im Jahr 2005 im Schnitt um 28 Jahre länger als 1955, in Südkorea um 26 Jahre und in Nigeria um sieben Jahre. Es weist zwar immer noch die beschämende Zahl von mehr als einer Milliarde Menschen, die mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen, aus. Doch der Wohlstand breitet sich aus, auch in Afrika. In Botswana verdient heute ein Durchschnittsbürger mehr als der durchschnittliche Finne 1955. Und auch in Österreich werden die Menschen sukzessive wohlhabender. So musste ein durchschnittlicher Arbeiter hierzulande im Jahr 1980 noch 10,4 Minuten lang arbeiten, um sich ein Kilo Zucker leisten zu können. Im Vorjahr konnte er sich diese Ausgabe bereits nach fünf Minuten Arbeit leisten.

 

Optimisten galten immer als naiv

Es wird vieles besser, doch keiner will es hören. Schon John Stuart Mill wunderte sich, warum Pessimisten als besonders gescheit gelten, Optimisten aber als naive Narren. „Nicht wer hofft, wenn andere verzweifeln, sondern wer verzweifelt, wenn andere hoffen, wird von der Masse als Weiser verehrt“, merkte der große britische Ökonom und Philosoph 1828 in einer berühmten Rede vor der Debating Society fast resignativ an.

Die Welt ist in der Vergangenheit schon öfter untergegangen. Thomas Robert Malthus rechnete zum ersten Mal 1798 vor, dass der Menschheit zwangsläufig das Essen ausgehen müsse, weil sie sich so schnell vermehre. Damals lebten ungefähr eine Milliarde Menschen auf dem Planeten, heute sind es neun Milliarden. Und zu essen gäbe es für alle genug.

In den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam der saure Regen, dann ging uns das Öl aus, an die Grenzen des Wachstums stieß die Weltwirtschaft ohnedies, um dann doch wieder zu boomen. Zwischendurch stand die Welt kurz vor einem nuklearen Winter nach dem großen Atomkrieg. In den 1980ern verschwand der Regenwald, seit den 1990er-Jahren fürchten wir uns vorm Klimawandel. Vor irgendetwas fürchten wir uns immer. Und die besonders Mutigen wenden den Blick nicht ab von dem eingebildeten Abgrund. „Optimismus ist Feigheit“, dekretierte Oswald Spengler 1918 in seinem „Untergang des Abendlandes“. Die Sonne hat es sich dann doch anders überlegt.

Grafik: Die Presse

Die Untergangspropheten schreiben dabei meist gegenwärtige Entwicklungen linear in die Zukunft fort und unterschätzen die Innovationskraft der Menschen. Doch genau diese brachte in der Vergangenheit auch die Neuerungen, weshalb wir heute immer noch genügend zu essen haben, in einem intakten Wald spazieren gehen können und nicht unter dem Ozonloch verbrennen. Diesmal kommen die apokalyptischen Reiter auf griechischen Eseln daher. Und die Chance steht gut, dass es wieder nicht ganz so schlimm endet, wie vielfach angenommen wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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