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Proteus mirabilis

Das Kölner Verbot der Knabenbeschneidung hat vielleicht mehr mit der Verwehleidigung der Gesellschaft zu tun als mit einer Abwertung der Religionsfreiheit.

Ich bin nicht sicher, ob ich es so genau wissen wollte. Nach dem Urteil des Landesgerichtes Köln, wonach die Beschneidung Minderjähriger eine nicht durch religiöse Motive rechtfertigbare Körperverletzung darstellt, habe ich im Internet nachgeschaut. Wussten Sie, dass sich unter der Vorhaut koagulasepositive Staphylokokken, Proteus mirabilis oder Pseudomonas aeruginosa ansammeln können? Auch andere medizinische Gründe können für eine Beschneidung des Penis sprechen. Anders als die weibliche Beschneidung handelt es sich also nicht bloß um eine Verstümmelung. Eine Körperverletzung im Sinne des Strafrechts war es aber auch schon bisher. Jeder chirurgische Eingriff, sogar Haareschneiden, ist Körperverletzung – aber nicht strafbar, wenn der Betroffene einwilligt.

Und das ist das Neue am Kölner Urteil: Bisher hat die Einwilligung der Eltern ausgereicht. Es galt, dass das Recht des Kindes auf Unversehrtheit bei einem so geringfügigen Eingriff weniger wiegt als die Religionsfreiheit der Eltern bzw. als das Kindswohl: Unbeschnittene könnten ja in ihrem Umfeld ausgegrenzt werden. Beides hat das Kölner Landesgericht nun verworfen und noch hinzugefügt, dass die Beschneidung „dem Interesse des Kindes, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können“ zuwiderlaufe. (Das allerdings ist, wie man in Köln sagen würde, doof – „Werden Sie doch Buddhist! Ach, geht nicht – Sie sind ja beschnitten.“)


Ich bin mir nicht sicher, ob hier wirklich ein Paradigmenwechsel in Sachen Religionsfreiheit vorliegt. Schon bisher war nicht alles Religiöse erlaubt, Menschenopfer und Witwenverbrennung etwa. Es könnte sein, dass das Urteil bloß ein Ausdruck unserer Verwehleidigung ist: Jetzt ist uns halt auch schon eine Zirkumzision so schrecklich, dass wir sie ahnden müssen. (Wobei: Wenn ich mir für mich eine Beschneidung vorstelle, dann doch viel lieber in frühen Kindertagen, an die man sich nicht mehr erinnern kann!)

Vielleicht ist aber tatsächlich ein neues Kapitel aufgeschlagen worden, in dem die Justiz die religiöse Festlegung der Kinder durch ihre Eltern immer mehr infrage stellt. Das Kölner Urteil macht das noch nicht klar, weil es ein muslimisches Kind betraf – und im Islam kann man warten, bis das Kind mitreden kann. Spannend wäre ein Urteil über Juden. Denn sie müssen Buben schon mit acht Tagen beschneiden – wer es nicht tut, bricht den Bund mit Gott. Einem gläubigen Juden bliebe nur die Wahl zwischen Auswanderung und Kurpfuscher. Das wäre ein seltsames Bild der Religionsfreiheit, in dieser Weltgegend zumal.


Der Autor war stv. Chefredakteur der „Presse“ und ist nun Kommunikationschef der Erzdiözese Wien.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)