Gesprühte Hackschnitzel, biegsames Holz und aufgeblasenes Blech. Eine Ausstellung im Designforum zeigt, was herauskommt, wenn Materialentwickler mit Designern arbeiten.
Ein Tisch oder ein schlichter Hocker. Man hat sie klar vor Augen, ohne sie zu sehen: eine Platte, ein paar Beine. Und meist hat man auch eine deutliche Vorstellung, aus welchen Materialien sie sein dürfen: Holz, manchmal Glas oder auch Plastik. Die Form darf variieren, solange der Archetyp erkennbar bleibt. Bei den Entwürfen trauen sich Designer oft noch mehr als bei den Materialien, aus denen sie sie schließlich konstruieren. Die Ausstellung „Future Material“ im Designforum Wien zeigt Möglichkeiten, die Werkstoffe, aus dem die Dinge sind, weiter und neu zu denken. Dort finden sich nämlich höchst ungewöhnliche Exponate, die Ergebnisse einer Zusammenarbeit zwischen Designern und Materialentwicklern sind.
Und die können etwa so aussehen: ein Hocker aus gesprühten Fichtenhackschnitzel, ein Matte aus Holz, das durch ein spezielles Einschneideverfahren biegsam gemacht wurde und vor allem für eine gute Akustik sorgt, oder aber ein Sessel aus aufgeblasenem Blech, der bis zu 2,5 Tonnen trägt. Bei einem Rundgang durch die Ausstellung wird man den Eindruck nicht los, dass die Aussteller das getan haben, was Gastronomen vor ein paar Jahren mit der Molekularküche für sich entdeckt haben: Materialien aus ihrem gewohnten Kontext zu reißen und anders einzusetzen. Damit das überhaupt möglich wurde, mussten die beiden Seiten aber erst zusammengebracht werden. „Designer und Materialentwickler leben in zwei völlig verschiedenen Welten, dabei ist die Art, wie sie arbeiten, recht ähnlich: ein bisschen verrückt und kreativ“, sagt Alexander Szadeczky, Initiator der Projekts Skin, das sich als Netzwerkplattform versteht und für die Ausstellung verantwortlich ist. Skin wurde übrigens als eines der ersten „Lead“-Projekte im Rahmen der Impulse-Kreativförderung der Austria Wirtschaftsservice (AWS) mit Geldern der Innovationsförderschiene Evolve des Wirtschaftsministeriums finanziell unterstützt.
Ein Hocker aus Schaum. Bei den meisten der rund 40 Exponate handelt es sich um Möbel, meist Sitzmöbel. Darunter Prototypen genauso wie Produkte, die schon in Serie hergestellt werden. „Wir richten uns auch an die breite Masse, denn die soll die Dinge ja einmal kaufen. Oft heißt es ja, Designer machen Blödsinn und Forscher versteht kein Mensch“, sagt Skin-Projektleiter Manfred Hlina. Aber die Exponate zeigen deutlich, in welcher Form sich innovative Zugänge umsetzen lassen.
So etwa auch beim Hocker „Pilot“ von Patrick Rampelotto und Fritz Pernkopf. Durch Zufall sind die beiden auf den Maschinenbauer Hammerschmid in Oberösterreich gestoßen. Knapp eineinhalb Jahre haben die Designer gemeinsam mit dem Unternehmen an „Pilot“ gearbeitet, einem Hocker aus Schaum – genauer gesagt aus „3-D-geschäumtem Polypropylen“. „Die Leute bei Hammerschmid waren extrem offen und interessiert und haben uns sehr viel zur Verfügung gestellt. Wenn wir das alles normal bezahlen müssten, hätte uns das wohl 150.000 bis 200.000 Euro gekostet“, sagt Pernkopf. Das Außergewöhnliche an dem Hocker ist das extrem leichte und stabile Polypropylen, das wiederverwertbar ist. Dabei handelt es sich um einen Schaum, der erhitzt und in eine Form gepresst wird. Anschließend härtet das Material an der äußeren Schicht. „Das bedeutet, dass der Hocker innen wie außen aus demselben Material besteht, dadurch ist er extrem stabil“, so Rampelotto. Der Hocker wurde heuer bei der Mailänder Möbelmesse präsentiert. Mittlerweile ist er in drei verschiedenen Größen beim belgischen Designmöbel-Hersteller Quinze & Milan erhältlich.
Holz aus der Sprühdose. Gesprüht statt geschäumt wird hingegen bei dem Tiroler Unternehmen Organoid. Seit drei Jahren arbeiten Martin Jehart und Christoph Egger an einem speziellen Verfahren, mit dem natürliche Materialien zu zweifach gekrümmten Formen verarbeitet werden können. Dazu wird das Rohmaterial gemahlen und mit einem natürlichen Bindemittel vermengt. Die Basis dafür kann beispielsweise Stroh sein, aber auch Holz, Zuckerrübe, Brennnessel oder auch Almrose. Anschließend wird die Masse auf eine Negativform oder auf einen aufblasbaren Körper gesprüht. Mithilfe einer Vakuumfolie wird das Stück dann gepresst, komprimiert und dadurch verfestigt. „Fichtenhackschnitzel etwa bekommen dadurch eine extrem hohe Festigkeit, vergleichbar mit schlechtem Beton“, sagt Jehart. Und: Das Material lässt sich komplett recyceln. Derzeit gibt es von Organoid bereits fünf Serienprodukte: eine Liege, einen Spa-Pavillon, Lautsprecher, ein Schalenset und einen Hocker. Die beiden Letzteren sind in Zusammenarbeit mit dem Designstudio Nofrontiere Design entstanden.
Auf die Idee mit den gesprühten Hackschnitzeln ist Jehart durch zwei Erlebnisse gekommen. Vor Jahren hat er sich ein renovierungsbedürftiges Bauernhaus gekauft, dabei musste er feststellen, dass natürliche Materialien nicht so einfach formbar sind, wie er es gern hätte. Andererseits hat Jehart mit der Entwicklung aufblasbarer Tore für Flugveranstaltungen des Red Bull Air Race bereits Geld verdient. „Irgendwie war es dann für mich die logische Folge, auf aufblasbare Formkörper natürliche Materialien zu sprühen und sie zu einer fixen Form härten zu lassen.“ Für Jehart läuft die Nachfrage „vielversprechend“. Auch die anderen Aussteller berichten von durchwegs positivem Feedback. Nicht zuletzt, weil „70 Prozent der Exponate ökologisch nachhaltig konzipiert sind“, wie Hlina berichtet. „Das war zwar kein Auswahlkriterium, aber irgendwann geht es um die Frage, worauf man zurückgreift, wenn das Erdöl zu Ende geht.“ Vielleicht eben auf gesprühte Brennnessel-Schnitzel.
Skin – Material future
Von 29. Juni bis 16. September läuft im Designforum Wien im Museumsquartier die Ausstellung „Skin – Material Future“, bei der Designobjekte zu sehen sind, die mit neuen Materialien oder Verfahren hergestellt wurden. Dahinter steht die Plattform „Skin – Future Materials“, die vom Austria Wirtschaftsservice im Rahmen von Evolve des Wirtschaftsministeriums gefördert wird. www.skin-futurematerials.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)