Literaturpreis: Die Autoren auf dem elektrischen Stuhl

Literaturpreis Autoren elektrischen Stuhl
Literaturpreis Autoren elektrischen Stuhl(c) APA (DPA)
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Was hat die Dichterin Ingeborg Bachmann von Preisen gehalten? War sie fürs Wettlesen geeignet? Jedenfalls hielt sie kluge Dankesreden, die auch ihr Verhältnis zur Öffentlichkeit enthüllen.

Die Stadt Klagenfurt hat drei Jahre nach dem Ableben Ingeborg Bachmanns (1926–1973) einen Literaturpreis geschaffen, der nach dieser von Mythen umrankten Dichterin benannt ist. Er wird seit 1977 durch ein tagelanges Wettlesen entschieden, bei dem sich vor allem Kritiker profilieren. Die Erfinder des Bewerbs wussten genau, was Publicity bedeutet. Sie luden für die erste Jury den berühmten Feuilletonisten Marcel Reich-Ranicki für diese „Tage der deutschsprachigen Literatur“ ein. Auf dem Podium saßen auch weitere Granden der Szene wie Friedrich Torberg und Hans Weigel, als der junge Gert Jonke den ersten Preis gewann.

Der Einsatz solcher Scharfrichter der Literatur setzte den Ton. Am Wörthersee wird es bei der Bewertung der Vorträge seit 35 Jahren immer wieder auch polemisch, der Zirkus der Dichter und Verleger ist ein (inzwischen live auf 3sat übertragenes) TV-Ereignis, eine Frühform heutiger Talenteshows. „Kärnten sucht den deutschen Super-Dichter“. Ob Ingeborg Bachmann sich diesem medienwirksamen und auch grausamen Verfahren poetischer Inszenierung in ihrer Heimatstadt ausgesetzt hätte, wissen wir nicht, ausschließen kann man es aber wirklich nicht.

Für Reinhard Baumgart, einst Bachmanns Lektor, war das Lesen in Klagenfurt der Versuch, einen wichtigen Wettbewerb aus einer anderen Zeit nachzuspielen. Der 2003 verstorbene Autor und Kritiker erinnerte sich in der TV-Reportage „Lockruf der Eitelkeiten“: Bei der Gruppe 47, dem berühmtesten deutschsprachigen Dichterklub der Nachkriegszeit, habe er auch „die Bachmann lesen hören, nicht immer glorios mit Beifall bedacht, zitternd wie alle“. Dort seien allerdings berühmte Leute wie sie, Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger „auf den elektrischen Stuhl gestiegen“, hätten sich einem Risiko ausgesetzt wie Anfänger.


Kettenrauchende Meerfrau. Bachmann wusste sich von Anfang an in Szene zu setzen. Bewundernd und auch maliziös merkte Reich-Ranicki in der TV-Gesprächsreihe „Lauter schwierige Patienten“ an, wie sie im richtigen Moment bei Dichtertreffen ihre Handtasche fallen ließ, um die sich dann Kollegen eilfertig kümmerten – schon stand sie wieder im Mittelpunkt. Die hilflose Dichterin, so Reich-Ranicki, deren leise Stimme zum konzentrierten Zuhören zwang. Peter Weiser, der Bachmann aus den Tagen kannte, als sie 1951 bis 1953 beim Sender „Rot-Weiß-Rot“ als „Mittelding zwischen einer Sekretärin und Redakteurin“ arbeitete, beschrieb sie in seinen Erinnerungen „Wien stark bewölkt“ so: „Eine kettenrauchende Meerfrau mit Engelshaar, die mehr flüsterte als sprach und bei jedem Telefonklingeln zusammenschrak, schlug uns auf geheimnisvolle Weise in ihren Bann.“

Bachmann wurde bald nach ihrer Zeit beim Rundfunk eine vielfach ausgezeichnete Autorin. 1953 bekam sie bei der Tagung der Gruppe 47 auf Schloss Elmau den Gruppenpreis. Bereits im Jahr zuvor waren sie, Paul Celan und Ilse Aichinger (die damals den Preis mit der „Spiegelgeschichte“ gewann) beim Treffen der Dichter in Niendorf ein richtiges Ereignis. Das war sie, die neue Literatur der Nachkriegszeit! Mit dem Band „Die gestundete Zeit“ wurde Bachmann 1953 „zur ersten lyrischen Stimme in der westdeutschen Lyrik der Fünfzigerjahre“, wie Hans Höller in seiner Monografie (Rowohlt 1999) schreibt. Sie schaffte es auch als erste Person aus der Welt der Kunst auf die Titelseite des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“. Nachdem dort am 18.August 1954 ihr Porträt abgebildet war, wurde Bachmann zur Ikone der deutschen Dichtung. Spätestens mit ihrem zweiten Gedichtband, „Anrufung des großen Bären“ (1956) war ihr Ruhm gefestigt.

Auch im Hörspiel reüssierte sie, etwa mit „Der gute Gott von Manhattan“ (1958). Dafür erhielt sie den Hörspielpreis der Kriegsblinden, den sie 1959 mit einer Rede entgegennahm, die das Verhältnis zu den Rezipienten klärt: „Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die anderen, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie die Wahrheit von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar.“

Als sich Bachmann der Prosa zuwandte, im letzten Jahrzehnt vor allem dem gewaltigen „Todesarten-Projekt“, wurde sie mit dem Georg-Büchner-Preis (1964) bedacht. Die Dankesrede beginnt mit Formeln der Bescheidenheit: „Wie jeder, der hier gestanden ist und es nicht wert war, Büchner das Schuhband zu lösen, habe ich es schwer, den Mund aufzutun, den Dank trotzdem abzustatten mit einer Rede. Wovon reden?“ Über alles, nur nicht über das Konkrete der eigenen Dichtung. Es geht nach der höflichen Einleitung um eine Krise in Berlin, die eines anonymen Menschen, der körperlich und seelisch leidet. Ein „Ich“, und wäre es auch nur ein dichterisches, kommt in den Assoziationen nicht vor.


Ideal für einen Auftritt in Klagenfurt. Zum Anton-Wildgans-Preis (1971) notierte Bachmann in der Dankesrede: „Schon dass jemand, wie ich in dieser Stunde, in die Öffentlichkeit geht und den Mund aufmacht, muss ihn denken lassen, dass er völlig fehl am Platz sei.“ Die Dichterin befürchtete durch diesen öffentlichen feierlichen Akt eine Verfälschung der Person, „denn eine Stunde wie diese hat absolut nichts zu tun mit allen meinen anderen Stunden, meine Existenz ist eine andere, ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe. Wenn ich aber schreibe, dann sehen Sie mich nicht, es sieht mich niemand dabei.“ Wohlgesetzt wirft sich die Poetin in Pose, wünscht sich öffentlichkeitswirksam aus der Öffentlichkeit zurück auf die „Galeere“ des Schreibens: „Wer einen dazu zwingt? Niemand natürlich. Es ist ein Zwang, eine Obsession, eine Verdammnis, eine Strafe.“ Mit solchen Reden macht man sich nicht nur unangreifbar, sondern interessant, inszeniert eine Preisgabe, ohne sie offenbaren zu müssen.

Die einsame Seherin, die ihre Dichtkunst flüsternd vorträgt, es aber vermeidet, sich zum Werk konkret zu äußern – Bachmann wäre ideal für einen tollen Auftritt in Klagenfurt gewesen. Mindestens so aufsehenerregend wie Rainald Goetz, der sich beim Wettlesen 1983 die Stirn ritzte, bis Blut aufs Manuskript tropfte, oder wie Urs Allemann, wegen dessen anstößigem Text ein Juror 1991 aus Protest das Studio verließ. Bachmann aber ist spektakulär durch Sprache und Gestus allein. „Kein Sterbenswort, ihr Worte!“, sagt sie am Ende der Wildgans-Preis-Rede. Sie gibt nichts preis, nur ihr Werk gibt sie her. Das will einfach gelesen werden.

Tage der Deutschsprachigen Literatur

Zum 36. Mal werden heuer die Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt veranstaltet. Die Eröffnungsrede hält am 4.Juli die Schriftstellerin und Germanistin Ruth Klüger („weiter leben“). Gelesen und diskutiert wird von 5. bis 7. Juli, der Bachmann-Preis sowie die weiteren Auszeichnungen werden am 8. Juli vergeben. Unter den 14 antretenden Autoren kommen vier aus Österreich: Isabella Feimer, Cornelia Travnicek, Hugo Ramnek und Leopold Federmair. Jedes Mitglied der Bachmann-Jury darf zwei Teilnehmer einladen.

Mit 25.000 Euro ist der Bachmann-Preis dotiert, den im Vorjahr Maja Haderlap gewann. Außerdem gibt es auch heuer den mit 10.000 Euro dotierten Kelag-Preis, den 3sat-Preis (7500 Euro), den Ernst-Willner-Preis (5000 Euro) sowie einen Publikumspreis in der Höhe von 7000 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)

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