E-Wirtschaft. EnBW-Konzern soll drauf und dran sein, sich 40 Prozent der EVN einzuverleiben.
Wien. Es war 12.25 Uhr, als die Austria Presseagentur gestern eine so genannte "Eilt"-Meldung verschickte: Der deutsche Energieversorger Energie Baden-Württemberg (EnBW) strebe noch heuer die Sperrminorität bei Niederösterreichs Versorger EVN an. Zuvor hatte der Konzern mit Sitz in Karlsruhe eine entsprechende Ad-hoc-Aussendung gemacht. EnBW ist bereits seit Anfang 2002 EVN-Aktionär. Seit Juli 2003 hält das Unternehmen, das zum Atomstromkonzern Electricité de France (EdF) gehört, gut zehn Prozent am EVN-Kapital.
Doch während EnBW angab, seine Aktienanteile bis Ende dieses Jahres auf über 25 Prozent erhöhen zu wollen, verdichteten sich am Freitag Gerüchte, die den Niederösterreichern alles andere als angenehm sein dürften: Demnach sollen die Deutschen bereits drauf und dran sein, sich insgesamt 40 Prozent an der EVN einzuverleiben. Jedenfalls hieß es aus gut informierten Kreisen, dass EnBW bereits über weit mehr als die angegebenen 25 Prozent verfüge - diese zusätzlichen Anteile würden allerdings treuhändisch (etwa von Banken) gehalten, womit das Unternehmen auch von der gesetzlich vorgeschriebenen Meldepflicht entbunden sei. Die Deutschen sollen diese Vorgangsweise "aus atmosphärischen Gründen" gewählt haben, heißt es, weil der EVN-Vorstand den Avancen von EnBW schon in den vergangenen Jahren äußerst reserviert gegenüber gestanden sei.
In der Branche wurde gestern jedenfalls darüber gerätselt, woher EnBW die EVN-Aktien bezogen hat. 51 Prozent des niederösterreichischen Energieversorgers sind im Besitz der Landesregierung, rund fünf Prozent gehören der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (siehe Grafik). Des Rätsels Lösung dürfte in den Ereignissen der vergangenen Jahre liegen: Ende der neunziger Jahre hatte die Verbundgesellschaft gemeinsam mit der Energie Steiermark Holding (Estag) und der Energie AG Oberösterreich ein EVN-Aktienpaket im Ausmaß von 27 Prozent übernommen. Ironischerweise mit dem Argument, einer ausländischen Übernahme zuvor kommen zu wollen. Anfang 2001 trennten sich die Unternehmen allerdings sukzessive von ihren Aktienpaketen - sie wurden teilweise bei Investmentbanken "zwischengeparkt". Über das weitere Schicksal der Aktien war nie mehr etwas in Erfahrung zu bringen, sie wurden dem Streubesitz der EVN zugerechnet.
Insider berichten nun, dass die EnBW es im Laufe der Jahre geschafft habe, "über Umwege" an die EVN-Aktien zu kommen. Bei den Anteilen, die die Estag hielt, dürfte es jedenfalls keine allzu großen Probleme gegeben haben: An der Estag hält die EnBW-Mutter EdF die Sperrminorität.
Die Reaktion der EVN fiel gestern denkbar knapp aus: "Die EVN hat keinen Einfluss darauf, wer Aktien des Unternehmens hält oder erwirbt", hieß es. Jedenfalls gebe die Satzung des Unternehmens: "einem Aktionär mit mehr als 25 Prozent keine Chance, auf die Strategie des Unternehmens Einfluss zu nehmen." Erst mit über 33,3 Prozent könne ein Sitz im Aufsichtsrat beansprucht werden. Gleichzeitig nutzte die EVN die Gelegenheit, um auf die Realisierung der "Österreichischen Stromlösung" (siehe auch Seite 26) zu drängen.
Beobachter verwiesen freilich darauf, dass für die EVN die Probleme ganz anderswo, nämlich bei der mangelnden Liquidität der Aktie, liegen könnten: Sollten die Deutschen größere Aktienpakete akkumuliert haben, wäre der EVN-Streubesitz minimal.