Von den Mühen des deutlichen Denkens

Muehen deutlichen Denkens
Muehen deutlichen Denkens(c) EPA (Carsten Rehder / POOL)
  • Drucken

Daniel Kahneman zeigt in seinem neuen Buch - "Thinking, Fast and Slow" -, dass in unserem Gehirn zwei Systeme arbeiten und das eine das andere oft in die Irre führt und zu Fehlern verleitet.

Wie logisch und objektiv urteilen Richter? Die müssen das doch von Berufs wegen können, würde man meinen. Doch der Psychologe Daniel Kahneman verwendet in seinem Buch „Thinking, Fast and Slow“ (2011) ausgerechnet diese Gruppe, um ein verstörendes Beispiel für die Schwächen des menschlichen Geistes zu geben: In Israel wurde unlängst untersucht, wie Richter bei bedingter Haftentlassung verfahren. Sechs Minuten dauert das pro Fall. Die Studie fand heraus, dass es eine Korrelation zwischen Essenspausen und Urteilen gibt. Nach den Pausen werden 65 Prozent positiv erledigt, dann gibt es ein kontinuierliches Abfallen. Kurz vor der nächsten Pause sind die Urteile durchwegs negativ.

Wie erklärt man derart irrationales Verhalten müder, hungriger Richter? Kahnemans Denkmodell: Das Intuitive kämpft gegen das Kognitive, und es setzt sich oft durch. Für den 78-jährigen Psychologen, der in Jerusalem auch Mathematik studierte und später in Kanada und den USA lehrte, besteht menschliches Denken aus zwei Komponenten – einer schnellen und einer langsamen. „System 1“ ist unbewusst, intuitiv und geht mühelos vonstatten. „System 2“ ist bewusst, deduktiv und anstrengend.

Mühelose Intuition vs. harte Deduktion

Nun könnte ein Rationalist meinen, dass „System 2“ unser Denken beherrscht. Aber es hat ein Manko. Durch das anstrengende Denken wird man leicht und oft sehr schnell müde. „System 1“ hingegen können wir niemals abschalten. Das ist auch gut so, denn dieses Denken mit seinen raschen Reaktionen hat uns in der Evolution überleben lassen. Das Pech dabei: Intuition führt oft in die Irre, rasches Denken schaltet langsames Denken aus – siehe das Beispiel der Richter. Und wenn es um Wahrscheinlichkeit, um Statistik geht, ist „System 1“ leider auch ein äußerst schlechter Ratgeber. Dann kommt es besonders leicht zu Fehleinschätzungen.

Das Erkennen dieses Dilemmas ist Kahnemans Spezialität. Mit seinem israelischen Kollegen Amos Tversky hat er ab den Siebzigerjahren eine „Neue Erwartungstheorie“ entwickelt, die Entscheidungsfindungen in Situationen der Unsicherheit untersucht. Sein jüngstes Buch baut darauf auf und vermittelt anschaulich, wie Denken funktioniert.

Oder nicht funktioniert. Der Mensch ist faul. Es kostet Energie, „System 2“ anzuwerfen und bei Laune zu halten. Tversky und Kahneman haben das in einfallsreichen Experimenten getestet. Die Rechnung „zwei plus zwei“ erledigt „System 1“ mühelos. Aber 17 mal 24? Da muss sich „System 2“ einschalten: Gesichtszüge verkrampfen, Pupillen verändern sich. Bei schwierigen Aufgaben schalten wir gern um, wählen eine einfachere Lösung. Motto: Kommt mir bekannt vor, wird schon stimmen. Oder? Ein Baseballschläger und ein Ball kosten zusammen einen Dollar und zehn Cent. Der Schläger kostet einen Dollar mehr. Wie viel kostet der Ball? Wer jetzt intuitiv zehn Cent sagt, liegt natürlich daneben (die korrekte Antwort lautet fünf Cent). Nicht möglich? Mehr als die Hälfte der Befragten an den Elite-Unis Harvard, MIT und Princeton gaben bei blitzschnellen Reaktionen falsche Antworten.

Leider geschieht das auch in der Gruppe häufig, durch kollektiven Zwang. Alphatiere, die sich für unfehlbar halten, sind besonders anfällig, die Masse folgt ihnen willig. Kahneman hat das bei Anlageprofis der Wall Street untersucht, die viel auf Intuition geben. Das Resultat: alles nur Zufall. Die Gurus der Ökonomie hat das nicht gefreut.

Optimismus, der etwa im Sport sehr förderlich ist, kann in der Wirtschaft gefährlich sein. Das Unbewusste spielt uns Streiche. Gute Erfahrungen und Stimmung verleiten zu Fehlurteilen. Oder ein mentaler Anker. Wieder verwendet Kahneman Richter als Testpersonen, diesmal deutsche. Sie wurden zu einem fiktiven Fall von Ladendiebstahl befragt. Zuvor mussten sie zwei Würfeln werfen – manipulierte. Bei der einen Hälfte kam immer die Summe neun, bei der anderen drei. Dann wurden die Richter gefragt, ob sie die Angeklagte zu mehr als neun bzw. drei Monaten verurteilen würden. Die erste Gruppe kam im Schnitt auf acht Monate Haft, die zweite auf fünf. Unser Urteilsvermögen wird durch „System 1“ dazu gebracht, sich von dem beeinflussen zu lassen, was eben im Kopf vor sich ging, mit der betreffenden Sache aber gar nichts zu tun hat.

Fazit: Im Zweifel tippen wir auf das Offensichtliche, nicht unbedingt auf das Richtige. Wahrscheinlichkeiten sind nur schwer in ihrer Tragweite zu erfassen. Unser Gehirn liebt Stereotypen. Oft genügt es auch für eine verzerrte Wahrnehmung, dass wir Scheuklappen anlegen, wenn „System 2“ stark gefordert wird. Das zeigt das berühmte Experiment „The Invisible Gorilla“. Testpersonen werden instruiert, sich bei einem Video darauf zu konzentrieren, wie oft eine Mannschaft in Weiß beim Basketball Pässe wirft. Eine klare Angelegenheit für das rationale Denken, das dabei an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit kommt. Das Zählen ist so anspruchsvoll, dass die Hälfte der Getesteten übersieht, wie während des Spiels eine Person im Gorillakostüm über den Platz geht. Sie wird vom Beobachter ausgeblendet.

Zwei Seelen nicht nur in der Brust

Zwei Selbst wohnen in uns. Das der Erfahrungen bewältigt den Alltag. Das der Erinnerungen zeichnet alles auf und sollte rationale Entscheidungen treffen. Wie kommt man da zur Harmonie? Der beste Rat: Wenn der bloße Verdacht besteht, dass man sich in einem kognitiven Minenfeld befindet, sollte man das Tempo zurückschalten, sich am besten beraten. Organisationen sind langsamer und gewohnt, geordnet vorzugehen.

Leben und Werk

Daniel Kahneman (* 5. März 1934 in Tel-Aviv) ist Psychologe, 2002 erhielt er zusammen mit Vernon L. Smith für die Entwicklung der „Prospect Theory“ den Ökonomie-Nobelpreis.

In der Übersetzung von Thorsten Schmidt ist „Schnelles Denken, langsames Denken“ soeben auf Deutsch erschienen (Siedler Verlag 2012, 624 Seiten, 27,80 Euro).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2012)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.