Nun ist es traurige Gewissheit. Der auf der Insel Amrum vermisste Wiener Bub ist tot. Die Polizei geht von einem Unfall aus. Er dürfte sich selbst im Sand eingegraben haben.
Berlin. Fast drei Tage lang hat die Suche nach einem vermissten Wiener Buben Amrum in Atem gehalten. Am Sonntagabend war der zehnjährige Sebastian, der mit Eltern und Schwester auf der deutschen Nordseeinsel Urlaub machte, auf mysteriöse Weise verschwunden. Er hatte bei einem Klettergerüst am Strand gespielt, dann verloren sich seine Spuren.
Seit Mittwoch Nachmittag ist es traurige Gewissheit: Sebastian ist tot. Polizeikräfte fanden seine Leiche, von Sand begraben, genau dort, wo man ihn zuletzt gesehen hatte: beim „Piratenschiff“ am Strand von Wittdün, nur 300 Meter vom Ferienappartement seiner Familie entfernt. Bis zuletzt hatte die Polizei alle Möglichkeiten offen gelassen: Unglück oder Verbrechen wurden für ähnlich möglich gehalten. Die Polizei hatte die 2300 Inselbewohner und etwa 10.000 Urlauber aufgerufen, am Sonntag geschossene Fotos abzugeben.
Ein Foto lieferte den Hinweis
Eines dieser Bilder zeigte, dass der junge Österreicher unterhalb des Klettergerüsts ein Loch in den Sand grub. Es bewies, dass Sebastian tatsächlich zum „Piratenschiff“ zurückgelaufen war, nachdem er seinen Vater im Urlaubsquartier angebettelt hatte, noch ein wenig länger spielen zu dürfen.
Und es zeigte keine anderen Personen. Auch sonst gab es keine Anhaltspunkte, dass sich dem Kind jemand in verbrecherischer Absicht genähert haben könnte. All das stärkte die Hypothese, dass Sebastian einem Unfall zum Opfer gefallen war.
Die Einsatzkräfte intensivierten daraufhin ihre Suche auf dem Abenteuerspielplatz. Mit einem Schaufelbagger hoben sie den Sand darunter eineinhalb Meter tief aus. Bald stießen sie auf ein lebloses Kind. Sogleich riegelten sie den Bereich weiträumig ab und verhängten ihn zum Sichtschutz mit blauen Planen.
„Die Umstände sehen nach einer Unfallsituation aus“, sagte ein Polizeisprecher. Die Vermutung: Der Randbereich der Grube könnte nachgegeben und das Kind unter dem Sand begraben haben.
Dem schrecklichen Fund vorausgegangen war die größte Suchaktion in der Geschichte der kleinen Insel südlich von Sylt. Knapp hundert Polizisten und etwa 50 Feuerwehrleute waren mit Spürhunden, Hubschraubern und Seenotkreuzern im Großeinsatz. Jeder Winkel wurde abgesucht, zwischen den Hügeln der Dünen, unter den Holzplanken der Bohlenwege, im Wald, im Wattenmeer.
Suchaktion via Facebook
Die Polizei stellte ein Bild des blond gelockten Buben ins Internet, Mittwochabend sollte der mysteriöse Fall in „Aktenzeichen XY ungelöst“ beschrieben werden. Die „Initiative ,Vermisste Kinder‘“ postete eine Anzeige auf ihrer Facebook-Seite. Binnen weniger Stunden „teilten“ zehntausende Mitglieder des sozialen Netzwerks die Meldung und leiteten sie so an Freunde und Bekannte weiter.
Ein Badeunfall galt von Anfang an als unwahrscheinlich: Sebastian war ein guter Schwimmer, zum Zeitpunkt seines Verschwindens war Ebbe. Dennoch wollte die Sprecherin der Husumer Polizei auch diese Möglichkeit nicht gänzlich ausschließen und verwies auf die Gefahren des Wattenmeers, das von kleinen, „Prilen“ genannten Flüssen durchzogen ist und bei Flut vor allem Kinder mit Wasser von allen Seiten überraschen kann.
Ausgewertet wurden auch die Videokameras der Fähren, die sechsmal am Tag Amrum mit dem Festland verbinden. Vielleicht wurde das Kind ja von Entführern von der Insel geschmuggelt, so eine der geäußerten Befürchtungen. Oder es büxte einfach aus, auf eigene Faust. Das war die hoffnungsvollste der vielen Hypothesen. Sie hat sich, so die traurige Gewissheit, nicht bestätigt.
Auf einen Blick
Die Suche nach dem seit Sonntag auf der Nordseeinsel Amrum vermissten zehnjährigen Sebastian aus Wien hat ein schreckliches Ende gefunden: Einsatzkräfte entdeckten die Leiche des Buben tief im Sand eines Abenteuerspielplatzes begraben. Die Polizei geht von einem Unfall aus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2012)