ÖBB: Die erste Teilzeiteisenbahn der Welt?

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oeBB erste Teilzeiteisenbahn Welt(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Bei den Bundesbahnen wird statt einer Lohnerhöhung die Arbeitszeit verkürzt. Ein spannendes Experiment.

Chef der heimischen ÖBB zu sein, ist keine leichte Aufgabe. Denn aufgrund von technischen Neuerungen – etwa elektronischen Stellwerken – wird das Betreiben einer Eisenbahn laufend moderner und effizienter. An sich eine feine Sache, möchte man meinen, wäre da nicht dieses blöde Beamtendienstrecht. Das schreibt nämlich vor, dass „definitiv gestellte“ Mitarbeiter auch weiterbeschäftigt werden müssen, wenn es für sie im Unternehmen eigentlich keine Aufgabe mehr gibt. Und bei den ÖBB sind zwei Drittel der rund 42.000 Mitarbeiter „definitiv gestellt“.

Daher kamen ÖBB-Vorstände vor etwa zehn Jahren auf eine geniale Idee: Sie schickten die überschüssigen Eisenbahner einfach in Frühpension. Problem erkannt, Problem gebannt. Durch diese Frühpensionierungen fiel das ohnehin adoleszente Pensionsantrittsalter der ÖBBler jedoch auf Werte, die selbst dem Infrastrukturministerium zu niedrig waren. Die Conclusio in den heiligen Hallen des Ministeriums? Ein mutiger Vorstoß, das Beamtendienstrecht abzuändern und der Versuch, überschüssige Eisenbahner wie andere Österreicher auch über das allgemeine Arbeitsmarktsystem in neue Jobs zu vermitteln? Weit gefehlt. Im Infrastrukturministerium hatte man eine bessere Idee: einen Frühpensionierungsstopp für die ÖBB. Problem erkannt, Problem gebannt.

Dass die Staatsbahn nun in einer Situation ist, in der „man sich über Effizienzsteigerungen gar nicht mehr freuen kann“, weil die Erträge daraus nicht mehr lukriert werden können, wie ÖBB-Chef Christian Kern zur „Presse“ sagt, ficht das Ministerium nicht an. Die wirklich entscheidenden Positivschlagzeilen beim Boulevard wurden ja schon eingefahren.

Doch auch in der ÖBB-Zentrale sind die Damen und Herren nicht auf den Kopf gefallen. Sie beschlossen nun mit der Gewerkschaft statt einer Lohnerhöhung einfach eine Arbeitszeitverkürzung von 40 auf 38,5 Stunden pro Woche. Weniger Arbeit bei gleich viel Köpfen ergibt weniger Arbeitszeit pro Kopf, so das Ergebnis dieser logischen Rechnung. Wer sich hier an wirtschaftspolitische Konzepte aus den 1970er-Jahren erinnert sieht, sei unbesorgt: Mit Ideologie habe das garantiert nichts zu tun, heißt es bei der staatlichen Bahnführung. Stattdessen sei die Arbeitszeitverkürzung wesentlich billiger als der von den Arbeitnehmern geforderte Inflationsausgleich, da die gestrichenen eineinhalb Stunden ja nicht ersetzt werden müssten.

Eine weitere Verkürzung der Arbeitszeit sei jedoch ausgeschlossen, so ÖBB-Chef Kern. Warum eigentlich, fragen wir uns? Auch künftig dürfte es ja weitere Rationalisierungen geben, die den Eisenbahnern das Arbeitspensum verringern. Jedes Jahr 1,5 Wochenstunden weniger wären doch wirklich eine feine Sache. Und billiger ist es obendrein.

Also: Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich für die ÖBB. Und schon in zehn Jahren hätten wird damit nicht nur die erste Teilzeitbahn der Welt – sondern auch die mit Abstand teuerste.

E-Mails an: jakob.zirm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2012)

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