Pop

Die Rebellion der Partymacher

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Discos zahlen zu wenig für die Musik, behauptet die Gema. Durch irrwitzige Tariferhöhungen riskiere das Inkassobüro der Urheber das Ende der Clubkultur, fluchen die Veranstalter. Der Kampf tobt.

Wummernde Bässe, dröhnende Beats – und auf einmal war alles still. In hunderten deutschen Diskotheken verstummte am vorigen Samstag für fünf Minuten die Musik. Über die Tempel des Klangrausches legte sich gespenstische Stille, überall zur gleichen, symbolkräftigen Zeit: um fünf vor zwölf. Damit wollten die Besitzer ihren verdutzten Gästen vor Ohren führen: Uns wird es bald nicht mehr geben, wir können uns die Musik nicht mehr leisten, und ihr müsst dann zuhause feiern.

Das empört das Partyvolk, und sein Protest wird selbst zur Party. Wenige Tage vor den Schweigeminuten beschallten DJs von Lastwagen aus die Berliner Kulturbrauerei, als wollten sie die neogotische Trutzburg zum Einsturz bringen. Tausende Demonstranten verwandelten die Schönhauser Allee in eine Tanzfläche. Sie sollten sich nur gestört fühlen, die feinen Leute da drinnen, die sich zu ihrer gediegenen Jahresfeier versammelt hatten: die Komponisten und Liedtexter, die Produzenten und vor allem die Gastgeber – die verhassten Gema-Funktionäre.

Gema-Videos nicht mehr auf YouTube

Diese Verwertungsgesellschaft mit Quasimonopol war nie sehr beliebt, nicht einmal bei den in Geldfragen meist skeptischen Musikschaffenden, deren Nutzungsrechte sie vertritt. Wer ihre Lieder und Stücke spielt, auf Tonträgern, bei Zeltfesten oder in Clubs, der muss den Obolus an die Urheber entrichten. Die Gema macht das Inkasso – und setzt in Verhandlungen Tarife fest. Das geht gut, solange man sich einigt. Auf YouTube ist die Musik schon verstummt. Ein Endlosstreit führte dazu, dass Videos von Gema-Migliedern auf der Onlineplattform nicht mehr zu hören sind. Das hat dem Verein den Hass der Netzgemeinde eingehandelt. Nun aber richtet sich der Zorn der Party people gegen ihn. Die Angst geht um: Eine Tarifreform, die mit 2013 in Kraft treten soll, werde der Clubkultur den Garaus machen.

Eigentlich sollte man nur die Abrechnung vereinfachen, die Kriterien von elf auf zwei reduzieren: den Eintrittspreis und die Größe des Etablissements. Doch in die neue Struktur packt die Gema auch Erhöhungen von hunderten, in Extremfällen bis zu 2000 Prozent. Besonders betroffen sind Großraumdiskotheken. So droht auch der Betreiber des Berliner Berghain, einer Kultdisco von Weltruf, damit, seine Goldgrube dichtzumachen. Da liegt die Prognose nahe: Das große Discosterben wird kommen. Das würde hunderttausende Jobs kosten – auch im Tourismus, vor allem in Berlin, das feierwütige Jungmenschen aus aller Welt anlockt.

Welcher Teufel hat die Gema da geritten? Vor allem ließ sich die öffentlichkeitsscheue Truppe in ein PR-Desaster hineinreiten. Dabei hat sie ein paar gute Argumente: Deutsche Clubs zahlen bisher zu wenig für die Musik, von der sie leben. Die Aufsichtsbehörde, das Patent- und Markenamt, hat zehn Prozent der Eintrittsgelder als faire Vergütung festgelegt. Von diesem Ziel ist man heute weit entfernt. Freilich haben dramatische Erhöhungen in den bisherigen Kalkulationen keinen Platz. Viele Clubs müssten ihr Geschäftsmodell ändern, etwa die Eintrittspreise senken und bei den Getränken (sie sollen im Schnitt 80 Prozent der Erlöse ausmachen) mehr draufschlagen.

Die Gema vermutet jedenfalls Spielräume und verweist auf Frankreich: Dort sollen die Clubs 15 Prozent ihrer gesamten Umsätze zahlen – und auch überleben. Doch statt diese Karten auf den Tisch zu legen, ging die Gema mit Maximalforderungen in die Tarifschlacht. Sie erwartete ein Gefeilsche, wollte sich absurde Aufschläge ausreden und generöse Rabatte herausschlagen lassen. Die Gegenseite aber zog empört von dannen. Die Causa liegt bei der Schiedsstelle. Der Streit aber ist an die Öffentlichkeit gezerrt, und da macht die Gema keine gute Figur.

Auch Tanzschulen protestieren

Sie verschleiert: 60 Prozent würden weniger oder so viel wie bisher zahlen – nur findet sich kaum jemand, der sich auf die Reform freut. Sie trickst: Ihre Modellrechnungen gehen von unrealistischen Grundtarifen aus. Genüsslich rechnen die Betroffenen vor, wie weltfern die Beispiele sind. Tanzschulen, Schützenvereine und Karnevalssitzungen reihen sich in die Protestscharen ein. Das ruft Politiker auf den Plan. In dieser Woche hat auch die Regierung die Gema fallen gelassen. Familienministerin Kristina Schröder macht sich laut Sorgen über die Zukunft der deutschen Jugendkultur. Selbst den Künstlern ist nicht wohl. Immerhin leben auch sie von den Clubs, die ihre Werke verbreiten.

Und in Österreich? Die Verhandler des Gema-Pendants AKM und des Veranstalterverbands betonen ihr sozialpartnerschaftliches Verhältnis. Statt nur über abstrakte Schlüssel abzurechnen, schnapsen sich Außendienstler und Gastronomen die erwartete Gästefrequenz und leistbare Beträge aus. Bis zum November werden zentral Tarife verhandelt, aber von einem öffentlichen Dauerzank sei man gottlob weit entfernt. Die Deutschen mögen streiten. Du, glückliches Österreich, schwelge in Harmonie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2012)

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