Die durch den EU-Gipfel ausgelöste Trendwende an den Märkten und die günstigen Aktienpreise sprechen für eine weitere Erholung bis Jahresende. Auch das erste Halbjahr brachte ein kleines Plus.
Wien/B.l. Der im Vorjahr schwer hinuntergeprügelte heimische Leitindex ATX hat sich heuer bis dato relativ gut gehalten und ein Plus von fast sieben Prozent eingefahren. In den vergangenen drei Monaten, als an den Märkten die Sorgen wegen der Eurokrise überhand nahmen, büßte der Wiener Index aber zwei Prozent ein.
Nun sollte es wieder bergauf gehen. Das glauben zumindest die Analysten der Raiffeisen Bank International sowie der Wiener Privatbank, die am Donnerstag ihre Ausblicke für das zweite Halbjahr veröffentlicht haben. Der EU-Gipfel in der vergangenen Woche habe den Turnaround an den Börsen gebracht, stellte Alfred Reisenberger von der Wiener Privatbank fest. Seitdem geht der Trend an den Börsen nach oben. Für eine Erholung würden die attraktiven Bewertungen der Aktien sprechen.
Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis an der Wiener Börse liegt gegenwärtig bei 9,5 (im langjährigen Vergleich ist dieser Wert zweistellig, was bedeutet, dass Aktien meist teurer sind als derzeit), das Kurs-Buchwert-Verhältnis bei 0,8 (normalerweise liegt dieser Wert über eins).
Aufwärtstrend mit Rückschlägen
Wegen der globalen Wachstumsängste und schwelenden Euro-Schuldenkrise rechnen die Raiffeisen-Analysten aber nicht mit einer kontinuierlichen Aufwärtsbewegung, vielmehr werde es immer wieder Rückschläge geben. Unterm Strich sollte es mit den Märkten in Österreich und Osteuropa (hier halten die Raiffeisen-Experten russische und ungarische Aktien für günstig bewertet) um acht bis zwölf Prozent nach oben gehen.
Unter den heimischen Aktien gefallen den Raiffeisen-Analysten vor allem zyklische (also konjunktursensible) Titel wie der Faserhersteller Lenzing oder der Feuerfestkonzern RHI. Die OMV sollte von einem steigenden Ölpreis profitieren. Auch der Ölfeldausrüster Schoeller-Bleckmann und die Erste Group (die günstig sei) zählen zu den Favoriten.
Unter den Top-Picks der Wiener Privatbank finden sich der Anlagenbauer Andritz, Schoeller-Bleckmann sowie die Voestalpine. Diese drei Unternehmen hätten eine ausgezeichnete Marktstellung und gesunde Bilanzen. Bankaktien seien risikoreich, aber ebenfalls interessant, meint Reisenberger. Er bevorzugt hier internationale Titel wie Deutsche Bank, Crédit Agricole und UniCredit.
Betrachtet man die Entwicklung seit Jahresbeginn, bescherte die Raiffeisen-Aktie ihren Anlegern den größten Kursgewinn innerhalb des ATX (plus 36 Prozent). Auf den Plätzen zwei bis vier liegen Andritz (28 Prozent), RHI (21 Prozent) und Erste Group (16 Prozent). Dagegen mussten die Aktionäre von Zumtobel, Strabag, Telekom und Verbund zweistellige Verluste hinnehmen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2012)