Schnellauswahl

Noch ein Opfer der Revolutionen: Nahost-Archäologie

(c) EPA (YAHYA ARHAB)
  • Drucken
  • Kommentieren

Die Forschung leidet an den Zuständen in der Region so, dass erste Universitäten ihre Institute auslaufen lassen.

Einen Kollateralschaden transportieren die täglichen Bilder des Grauens aus Syrien nicht, und er verblasst natürlich auch neben der Aktualität. Aber auf lange Frist sind die Verluste an dieser Front unabschätzbar: Über 120 Archäologenteams mussten aus dem Land fliehen. Dabei war Syrien eines der letzten Refugien dieser Forschung in der Region, in der sie groß geworden ist, seit über drei Jahrzehnten müssen die Ausgräber Land um Land räumen.

Es begann 1979 mit der Revolution im Iran und dem folgenden Krieg mit dem Irak, dann kamen die Golfkriege, die Forscher wichen aus, nach Syrien, Jordanien und in die Türkei. Aber die Türkei vergibt immer weniger Grabungslizenzen, und Jordanien hat kein Erbe großer Städte. Also blieb Syrien. Natürlich blieben auch die südlichen Mittelmeeranrainer, aber dort hatten die Revolutionäre im Vorjahr auch dringlichere Sorgen als das Hüten des Erbes bzw. derer, die es bergen. In Libyen wird immer noch vereinzelt gekämpft, in Ägypten wurden Museen und Grabungsstätten ausgeraubt, und die Stimmung ist den internationalen Ausgräbern auch nicht gewogen. Deshalb werden in renommierten US-Universitäten wie Harvard und Yale emeritierte Professoren nicht mehr ersetzt. „Im Grunde unterrichten wir keine Nahost-Archäologie mehr“, berichtet etwa Yale- Emeritus Frank Hole (Science, 336, S.796).

 

„Jeder will nach Kurdistan“

Andere geben so rasch nicht auf, sie weichen aus: „Jeder will nach Kurdistan“, weiß Oskar Kaehlin (Basel). Denn ausgerechnet dort, im Norden des Irak, ist es nun sicher, die Archäologen drängen sich, auch Marta Luciani von der Uni Wien ist mit dabei. Andere suchen Zuflucht in den Golfstaaten Oman und Kuwait, wieder andere in den Kaukasusregionen der früheren Sowjetunion, vor allem in Aserbaidschan.

Und wer nicht im Raum ausweichen kann, der tut es in der Zeit bzw. der Technik: Viele alten Funde werden neu bearbeitet, etwa mit DNA-Analysen. Dabei hat Henryk Vitak (Lódz) in 5000 Jahre alten Knochen bzw. Zähnen aus dem Osten Syriens einen Gentyp gefunden, den es heute im Nahen Osten nicht mehr gibt – aber im Norden Indiens und Pakistans. Vitek schließt daraus, dass Händler und Einwanderer von weit aus dem Osten kamen. Es ist umstritten, aber wenn es stimmt, herrschten damals friedliche Zeiten. jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)