Am Freitag wurde am Piaristenplatz eine für Anrainer fast völlig lautlose Gehsteigdisco veranstaltet. Ziel der Organisatoren derartiger Veranstaltungen: Öffentlichen Raum zum „Tanzpalast“ zu machen.
Wien. Fast könnte man meinen, die junge Szene sei angepasst. Das, womit sie derzeit den öffentlichen Raum erobert, will vielleicht viel, eines sicher nicht: Anrainer stören.
Deshalb wird bei der Silent Disco getanzt, Alkohol getrunken und hin und wieder auch geplaudert oder gar geknutscht. Aber eines unterscheidet diese Disco dann doch von jenen, die man sonst kennt: Es ist keine Musik zu hören. Zumindest nicht laut. Denn anstelle der klassischen Beschallung durch DJs kommt die Musik aus den Kopfhörern, die verteilt werden. Und: Damit das Ganze nicht nur lustig für Passanten aussieht, gibt es mehrere DJs, die auf verschiedenen Kanälen zu hören sind und zu deren Musik getanzt wird.
Strom aus der Kirche
„Man hört also selbst zum Beispiel Jarvis Cocker und tanzt mit jemandem, der Madonna hört“, sagt Oliver Hangl, der die Gehsteigdisco am Piaristenplatz in der Josefstadt organisiert hat. Die Kopfhörerdisco, die international auch als Silent Disco bekannt ist, hat viel mit einem Flashmob gemein, nur dass sie eben ein bisschen länger dauert. Denn verbreitet wird die Kunde von der Gehsteigdisco meist über soziale Medien.
„Das verbreitet sich rasch. Mich wundert immer, wie schnell das geht“, sagt Hangl, der Silent Discos vor allem in Form von Kunstprojekten seit 2001 veranstaltet. Außer den zwei DJ-Pulten und einem Tisch für den Verleih von Kopfhörern wird nichts aufgebaut. Der Strom kommt in diesem Fall von der Maria-Treu-Kirche am Piaristenplatz. „Dafür gibt es eine kleine Spende“, so Hangl. Für die Gäste gibt es keinen Konsumzwang, Getränke werden mitgenommen oder bei den umliegenden Gastronomen gekauft. Die müssen auch für den Gang zur Toilette herhalten.
Hangl geht es darum, öffentlichen Raum anders, abseits des Konsumzwangs, zu nutzen. Die Reaktionen sind bei Gästen und Passanten positiv. „Anfang schauen viele komisch, dann vergisst man das. Die Disco findet im Kopf statt und man muss nicht dauernd angequatscht werden.“ Die Kommunikation komme aber nicht zu kurz, sondern passiere eben über die Bewegung. Außerdem besteht ja immer noch die Möglichkeit, die Kopfhörer abzunehmen und sich zu unterhalten – ohne einander mühsam anschreien zu müssen. International findet die Silent Disco auch im kommerziellen Rahmen, etwa in Frankreich oder Holland, statt. Hierzulande hat Hangl, der mit seiner Silent Disco zuletzt beim Summer Opening im Museumsquartier zu Gast war, schon Nachahmer gefunden. Erst am Donnerstag wurde in Aspern beim Zirkusfestival SummerFlame zur Musik aus dem Kopfhörer getanzt. „Es geht uns darum, den öffentlichen Raum zum Tanzpalast zu machen. Ich tanze lieber draußen und lasse mich nicht so gerne einengen“, sagt Glenn Bristol, der die Clubbings veranstaltet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)