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Gott und das Teilchen in geschwungenen Klammern

Der Trend zur Tagespoesie hält an: Jetzt hat Hans Magnus Enzensberger ein Gedicht über das Higgs-Boson geschrieben.

Keine drei Monate ist es her, dass der unglückliche „Krone“-Dichter Wolf Martin gestorben ist, da mehren sich die Anzeichen dafür, dass sein Handwerk – Poesie zu Themen des Tages – auf höherem Niveau eine Renaissance erlebt. Zuerst hat Günter Grass uns über die „Süddeutsche Zeitung“ mit den Gedichten „Was gesagt werden muss“ und „Europas Schande“ versorgt; nun folgt Hans Magnus Enzensberger in der „FAZ“ mit einem Gedicht, das eine große Frage zum Titel hat: „Warum wiegt etwas etwas und nicht vielmehr nichts?“

Es geht, erraten, um die am 4. Juli vom Forschungszentrum CERN verkündete Beobachtung eines Elementarteilchens. „Sagenumwoben wie einst das Einhorn“, schreibt Enzensberger, „ist das Geschöpf, das ihre Namen (der Physiker Bose und Higgs, Anm.) trägt: das Higgs-Boson, denn so heißt es. Ein Gottesteilchen, sagen die Spötter.“

So elegant stellt Enzensberger klar, was vielen nicht klar scheint:

1) Kein Physiker, der bei Trost ist, hat das Wort „Gottesteilchen“ je ohne kräftige Anführungszeichen benutzt. Der erste war Leon Lederman, ein atheistischer Physiker mit krausem Humor, der sein populärwissenschaftliches Buch „The God Particle“ nannte– Untertitel: „If the Universe Is the Answer, What is the Question?“. Es enthielt halblustige Bibelparaphrasen wie: „Und der Herr stieg herab und sah den Beschleuniger, den die Kinder der Menschen bauten. Und der Herr sagte: ,Siehe, die Menschen entwirren meine Verwirrung.‘ Und der Herr seufzte und sagte: ,Voran, gehen wir hin und geben ihnen das Gottesteilchen, worauf sie sehen mögen, wie schön das Universum ist, das ich geschaffen habe.‘“ Lederman erzählt selbst gern, er habe das Buch zunächst „The God-damned Particle“ nennen wollen, doch sein Verleger habe „The God Particle“ attraktiver gefunden.

2) Für gläubige Menschen fällt das Higgs-Boson unter die Kategorie „Geschöpf“. Und kein gläubiger Physiker glaubt, „Gott wie auf dem Seziertisch analysieren zu können“, wie der Bamberger Erzbischof geargwöhnt hat. Realistischer ist die Einschätzung des Direktors der Evangelischen Akademie im Rheinland: Die Bezeichnung „Gottesteilchen“ sei ein „Public-Relation-Coup“. Das Wort wird uns bleiben, so oder so: Die „Süddeutsche“ nennt Regierungssprecher Steffen Seiffert bereits „Das Gottesteilchen“.

Eine Subtilität ist Enzensberger geglückt. „Wenn wir Professor Higgs richtig verstanden haben“, schreibt er, fahnde man nach dem „Phantom“, weil es „die Welt im Innersten zusammenhält“. Sic. Das passt zu einem Teilchen, das flüchtig zu nennen eine krasse Untertreibung ist: Die Physiker geben ihm eine „Lebensdauer“ zwischen 10–25 und 10–22 Sekunden. Auf Erden gibt es sowieso kein Higgs-Boson, nicht einmal so kurz, es sei denn, der LHC-Beschleuniger läuft auf höchster Energie. Ein ausgesprochen bedingtes Geschöpf, eine Existenz für ein Innerstes in geschwungenen Klammern.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)