Während aus den Vororten von Damaskus Artilleriefeuer zu vernehmen ist, wird im Zentrum der syrischen Hauptstadt der Schein der Normalität gewahrt. Das Regime schart religiöse Minderheiten des Landes um sich.
"Please come", ruft der Mann im Tarnanzug freundlich, aber bestimmt. Er sitzt auf einem grünen Plastiksessel in einem Hauseingang und war deshalb nicht sofort zu sehen. Neben ihm haben sich eine Reihe weiterer Uniformierter mit ihren Kalaschnikows niedergelassen. Penibel kontrolliert der Mann Reisepass, Autorisierungsschreiben des syrischen Informationsministeriums und Inhalt des Rucksackes. Dann rückt er seine hellbraune Baseballkappe zurecht und lächelt. Natürlich sei es kein Problem, hier durch die Straße zu schlendern, beteuert er. Andererseits sei es für einen Spaziergang doch angesichts der hoch stehenden Mittagssonne viel zu heiß, fügt er hinzu und bietet Platz auf einem der Plastiksessel an. Einer seiner Kameraden bringt - ebenfalls lächelnd - Wasser und Orangensaft. Es scheint opportun, die „Einladung" nicht so einfach auszuschlagen.
Die Soldaten der syrischen Streitkräfte haben sich zu beiden Seiten der Fares-al-Khuri-Straße postiert. Der breite, von Palmen gesäumte Verkehrsweg führt vom Abbasin-Platz nach Osten in Richtung der Vororte von Damaskus. Die Soldaten wachen an einer unsichtbaren Demarkationslinie. Denn während sich das Zentrum der syrischen Hauptstadt in den Händen des Regimes befindet, sind in den Außenbezirken die Aufständischen aktiv.
Kurze Nervosität. Plötzlich eilt ein Mann in braunem Polohemd herbei und macht aufgeregt Meldung. „Er hat erzählt, dass gestern in der Nähe seines Hauses geschossen worden ist", sagt danach einer der Soldaten. „Hätte er uns das gleich gestern mitgeteilt, hätten wir reagieren können." Heute sei jedenfalls alles ruhig und unter Kontrolle, versichert er. Trotzdem erfasst die Uniformierten kurz Nervosität, als sich auf der Straße einige junge Männer mit Plastiksäcken nähern. Rasch greift einer der Soldaten nach seinem Sturmgewehr, springt auf und sieht nach, was sich in den Plastiksäcken befindet. Wie Geister tauchen die Rebellen immer wieder außerhalb des Zentrums von Damaskus auf, feuern auf die Regierungstruppen und errichten für kurze Zeit sogar Straßensperren.
Auch das Tischrin-Militärspital liegt in einer dieser „heißen Zonen". Die Zufahrt zu dem gewaltigen Komplex ist mit Sandsäcken verbarrikadiert. Das Spital zählt zu den modernsten Syriens. Hierher werden Soldaten gebracht, die im Kampf gegen die Aufständischen verwundet worden sind. Einer von ihnen ist Ali, ein Militärpilot mit kurz geschorenem Haar und Schnurrbart. Der Oberst der Luftwaffe war am 26. Juni mit seinem russischen Transporthelikopter nahe der Stadt Aleppo unterwegs, als er unter Beschuss durch ein schweres Maschinengewehr geriet. Der Hubschrauber stürzte ab, der Pilot wurde am linken Arm verletzt. Für den Oberst sind die Rebellen „islamische Extremisten, die das Land in den Untergang führen" wollen. „Die Bevölkerung steht auf der Seite unseres Präsidenten und nicht dieser Salafisten, die uns die Saudis geschickt haben", behauptet der Offizier.
An dieser Darstellung besteht auch für den Direktor des Krankenhauses kein Zweifel. Der stämmige Generalmajor mit dem grauen Haar und den blauen Augen möchte seinen Namen nicht in der Zeitung lesen - aus „Sicherheitsgründen", wie er sagt. „Bereits drei unserer Ärzte wurden auf dem Weg zur Arbeit umgebracht." An den Wänden seines Büros prangen riesige Bilder von Präsident Bashar al-Assad und dessen Vater und Vorgänger Hafez in Militäruniform. Dazwischen hängt ein kleineres Foto, das Bashar in sportlichem, weißen Pulli mit einem Kind im Arm zeigt - der Machthaber als „gütiger Familienmensch".
Feindbild Israel. 108 verwundete Soldaten werden derzeit im Tischrin-Spital behandelt, 20 davon auf der Intensivstation, berichtet der Generalmajor. Jeden Tag seien zudem mehrere Todesfälle zu beklagen. „Ich verstehe das nicht", sagt der Krankenhausdirektor. „Warum bekämpfen die Europäer Terroristen in ihren eigenen Ländern und unterstützen zugleich Terroristen in unserem Land?" Es ist eine rhetorische Frage, denn die ihm genehme Antwort gibt er kurz darauf selbst: „Sie machen das zum Wohle Israels."
Schlägertrupps. Das alte Feindbild muss auch hier als Grund allen Übels herhalten. Dabei war man in Jerusalem zu Beginn nicht besonders erfreut über den Aufstand im Nachbarland. Zwar ist Assad ein alter Gegner - doch einer, den man einschätzen kann. Vor allem Berichte, wonach die Rebellen zunehmend von Jihadisten unterwandert würden, sorgen in Jerusalem und Washington für Kopfzerbrechen. Die konservativen Golfmonarchien Saudiarabien und Katar beliefern die Untergrundkämpfer mit Waffen, wahhabitische Prediger rufen zur Unterstützung des Widerstandes auf. Für sie geht es dabei nicht nur um den Aufstand gegen einen Diktator, sondern vor allem um den Kampf „rechtgläubiger" Sunniten gegen „ungläubige Unterdrücker". Denn Assad und ein großer Teil seiner Führungsschicht gehören der religiösen Minderheit der Alawiten an.
Das alles nützt das syrische Regime für sein Narrativ, wonach die Aufständischen samt und sonders „islamistische Terroristen" seien. „Es mag stimmen, dass solche Gruppen mittlerweile aktiv sind", meint ein westlicher Diplomat. „Bei dieser Darstellung blendet das Regime aber aus, dass die Proteste am Anfang friedlich waren und mit Gewalt niedergeschlagen worden sind." Vor allem nach den Freitagspredigten hätten sich zu Beginn immer wieder Menschen versammelt, um zu demonstrieren. Und sie seien von Schlägertrupps verprügelt worden, die schon vor den Moscheen gewartet hatten.
„Ein Spiel der Saudis." Die Angst vor Jihadisten geht auch in der Altstadt von Damaskus um, dort, wo in den verwinkelten Gassen viele Christen ihre Geschäfte haben. Einer davon ist Michele (Name geändert). Er arbeitet in der Altstadt, doch sein Haus steht in einem der umkämpften Außenbezirke. „Als Christ fühle ich mich nicht mehr sicher", klagt er. Seine Frau und seine Kinder hat er deshalb bereits zu Verwandten nach Aleppo geschickt. „Ich glaube nicht an diese sogenannte Revolution. Das Ganze ist doch nur ein Spiel der Saudis, um Einfluss zu gewinnen." Nicht wenige hier denken so wie Michele. Die Furcht der Minderheiten vor einer Machtübernahme radikaler Islamisten stabilisiert das Regime.
Draußen am Rande der Stadt, wo viele ärmere, sunnitische Familien leben, scheint der Wirkungsradius der Rebellen jedoch größer zu werden. Assads Truppen versuchen, das zu verhindern. Und das ist bis ins Herz von Damaskus zu hören. Immer wieder dringt aus den Vororten dumpfer Artillerielärm und vermischt sich mit dem Wummern des Basses der Popsongs, die in voller Lautstärke aus den Cafés der Altstadt dröhnen. Über die Flachbildschirme, auf denen die Menschen noch vor einer Woche gebannt die Fußball-EM verfolgten, tanzen jetzt internationale Stars wie Shakira und arabische Pop-Diven in kurzen Kleidern. Die Restaurants sind voll. Alles scheint auf den ersten Blick normal, und doch ist es wie ein Tanz auf dem Vulkan.
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