Mosaik aus Natur und Kultur

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Der Nationalpark Hohe Tauern zählt zu den Hotspots der Biodiversität. Bei der Erforschung ist es aber nicht mit dem Zählen von Pflanzen- und Tierarten getan.

Kommende Woche kommt für Inge und Glocknerlady der große Tag: Die beiden Bartgeier-Mädchen, die vor zwei Wochen im Großen Fleißtal in Kärnten freigelassen wurden, werden zum ersten Mal fliegen. Wohin im Herbst ihre Flügel sie tragen werden, weiß niemand – Bartgeier können an einem Tag 500 Kilometer zurücklegen. Aber sie werden ganz sicher dazu beitragen, dass sich im Alpenraum wieder eine Bartgeier-Population etabliert.

Dieser mit einer Flügelspannweite von fast drei Metern größte Vogel Europas war in den Alpen komplett ausgestorben. Wegen unzähliger böser Geschichten – die allesamt falsch sind (denn Bartgeier fressen fast ausschließlich Knochen von Aas) – wurden die Tiere gnadenlos abgeschossen. Seit drei Jahrzehnten kämpfen Naturschützer nun für die Wiederansiedlung: Alljährlich werden Jungvögel aus Zuchtstationen ausgewildert. Die Aktion ist ein Erfolg: In den letzten Jahren wurden in Österreich bereits drei Bartgeier in freier Wildbahn geboren, berichtet Michael Knollseisen, der „Geier-Papa“ im Nationalpark Hohe Tauern, stolz.

Die riesigen Vögel sind ein Beispiel, wie Biodiversität – entgegen dem Trend, dass immer mehr Arten aussterben – gesteigert werden kann. Andere prominente Beispiele sind Steinadler, Steinböcke oder Murmeltiere – auch diese waren praktisch ausgerottet, leben aber heute wieder in großer Zahl in den Alpen. Diese Tiere sind freilich nur die Spitze des Eisberges – denn die Vielfalt ist akut gefährdet, auch bei Arten, die nicht so deutlich sichtbar sind.

Anhand des Nationalparks ist gut sichtbar, wodurch Vielfalt entsteht: Die Hohen Tauern enthalten sehr viele verschiedene Landschaften auf unterschiedlichstem geologischen Untergrund, in verschiedenen Höhenstufen und klimatischen Bedingungen – und zwar nicht nur wilde Natur (in der Kernzone), die sich dynamisch entwickeln kann, sondern auch (in den Außenzonen) Kulturlandschaften. Seit vielen Jahrtausenden wird die Natur vom Menschen umgeformt, viele der traditionellen Nutzungsformen produzieren wertvolle Standorte, die es von Natur aus nicht geben würde. Kurz gesagt: Die Vielfalt ist die Folge eines Mosaiks aus Natur und Kultur.

Im Nationalpark, der ab 1981 in den drei Bundesländern Salzburg, Osttirol und Kärnten entstanden ist und 2006 international von der IUCN anerkannt wurde, gibt es laut Biotopkartierung allein in Salzburg 131 verschiedene Lebensraumtypen. Die Biodiversitätsdatenbank, die seit 2001 erstellt wird, enthält derzeit 277.000 Datensätze zu 10.254 Arten. Laufend kommen neue Arten dazu. Im Nationalpark Hohe Tauern sind auf 1856 Quadratkilometern (2,2 Prozent des Staatsgebietes) mehr als ein Drittel aller in Österreich vorkommenden Pflanzen- und Tierarten vertreten. Diese Vielfalt wird in vielen Forschungsprojekten untersucht. Unterstützt werden die Naturschützer dabei von Forschern verschiedenster Universitäten und Museen, im wissenschaftlichen Beirat sind u.a. die Akademie der Wissenschaften (ÖAW), die Uni Innsbruck, die Veterinärmedizinische Uni Wien oder das Wissenschaftsministerium vertreten.

So wurden in den vergangenen Jahren etwa alle Flechtenarten, Hühnervögel oder Schmetterlinge erfasst. Systematisch untersucht werden Gewässer, Moore oder Schwemmländer. Zudem wurden z.B. die Wanderungen von Schalenwild mithilfe von Sendern („Telemetrie“) vermessen und die Verbreitung von Permafrost exakt kartiert. In einem aktuellen internationalen Forschungsprojekt namens „CC-Habitalp“ werden Methoden verbessert, um aus Luftbildern Veränderungen in alpinen Räumen ablesen zu können.

Mit der reiner Erfassung der Artenvielfalt ist es freilich nicht getan. „Wir müssen das Rote-Liste-Denken weiterentwickeln“, sagt Wolfgang Urban, derzeit Vorsitzender des Nationalpark-Direktoriums. Und zwar in zwei Richtungen: Zum einen geht es um die Vielfalt von Lebensräumen, also von ganzen Ökosystemen, zum anderen aber auch um die genetische Vielfalt zwischen und innerhalb der Arten.

Zum Beispiel bei Schmetterlingen: Diese sind wesentlich zur Bestäubung von Pflanzen – die beiden sind extrem gut aneinander angepasst, jede Veränderung äußerst sich in einer Verschiebung des Artenspektrums. Auf den Pockhorner Wiesen oberhalb der Gletscherstraße zur Franz-Josefs-Höhe z.B. leben 280 Gefäßpflanzen- und 140 Insektenarten. Diese Vielfalt bleibt nur bestehen, weil die „Bergmähder“ alljährlich im Spätsommer mühsamst gemäht werden. Andernfalls würden sie verbuschen und zu Wald werden.

Gerhard Tarmann (Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum) rückt in Sommernächten mit einer Lampe mit hohem UV-Anteil und einem weißen Tuch aus, um die Vielfalt der Schmetterlinge zu studieren. Auf dieser Basis wird nun eine Gendatenbank aufgebaut, durch die man die Beziehungen zwischen den Arten studieren kann.

Denn die Evolution ist nicht abgeschlossen, ständig entstehen neue Arten. Das wird auch auf den Schotterflächen deutlich, die die Pasterze bei ihrem Rückzug hinterlässt. Die Gletscher der Eiszeiten haben „Tabula rasa“ gemacht, aus wieder eingewanderten Pflanzen bilden sich laufend neue Arten, die die ökologischen Nischen besetzen. Dort lässt sich, wie Helmut Wittmann (Haus der Natur Salzburg) erläutert, Evolution „live“ erleben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2012)

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