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»Eltern erziehen ihre Kinder so, wie sie selbst erzogen wurden«

Eltern erziehen ihre Kinder
(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Können Eltern frei entscheiden, wie sie erziehen wollen? Der Bildungspsychologe Haci-Halil Uslucan sagt, dieser Glaube sei eine Illusion.

Wie sehr ist Erziehung vom kulturellen Hintergrund beeinflusst?

Haci-Halil Uslucan: Erziehung ist immer vom kulturellen Hintergrund beeinflusst. Aber man muss bei Migranten auch die Varianzen innerhalb der Kulturen sehen. So ist etwa die Erziehung in der Osttürkei eine ganz andere als die in der Westtürkei. Es stehen etwa ländliche Konzepte urbanen Vorstellungen gegenüber. In der Osttürkei liegt die Geburtenrate im Schnitt bei 6,0. In der Westtürkei bei 1,9. Das zeigt enorme Unterschiede, die wir in Deutschland oder Österreich nicht haben.

Welche Rolle spielt die soziale Schicht?

Die wird an der Bedeutung der Kinder für die Eltern offensichtlich. Sollen sie zum Familieneinkommen beitragen? Oder wird ein Kind gewünscht, um das Glücksgefühl der Eltern zu steigern und sie in ihrer Identität aufzuwerten? In der Unterschicht steht in allen Gesellschaften die Belastung durch Kinder und auch die Frage nach ihrem Nutzen im Vordergrund. Währenddessen spielt in der Mittel- und Oberschicht immer die psychologische Bedeutung der Kinder eine Rolle.

 

Kann man jemals frei entscheiden, wie man sein Kind erziehen will?

Weltweit erziehen Eltern ihre Kinder so, wie sie selbst erzogen wurden. Das ist eine Grundregel. Aber es gibt Ausnahmen: Personen, die eine pädagogische oder psychologische Ausbildung haben. Oder Personen, die unter ihrer Erziehung gelitten und sie aufgearbeitet haben. In diesem Fall erfolgt eine methodische Brechung und man erzieht die eigenen Kinder anders, als man selbst erzogen wurde. Ein dritter Aspekt: Migranten erkennen, dass andere Modelle angewendet werden und müssen sich damit auseinandersetzen. Aber die freie Wahl bei der Erziehung ist eine Illusion. Man ist vielen Zwängen ausgesetzt.

 

Viele Eltern hoffen, mithilfe von Ratgebern zu besseren Erziehern zu werden.

Die Vorstellung der Eltern ist, dass sie etwas investieren und beim Kind etwas herauskommt. Aber die Bereitschaft des Kindes, sich erziehen zu lassen, ist auch eine wichtige Variable. Die hängt von Merkmalen wie sicherer frühkindlicher Bindung ab. Kinder, die eine unsichere Bindung aufweisen, haben weniger Angst, die Liebe der Mutter zu verlieren und leisten mütterlichen Anweisungen weniger Folge. Studien haben auch gezeigt, dass derselbe Erziehungsstil bei Kindern mit unterschiedlichem Temperament zu unterschiedlichen Entwicklungen führt. So tut mütterliche Strenge einem Kind, das sehr unruhig ist, mittelfristig gut. Aber bei demselben Erziehungsstil können sich bei einem Kind, das in sich gekehrt ist, leichter Depressionen entwickeln.

 

Wie sicher sind sich Migranten bei der Erziehung?

Wir sind alle verunsichert, ob unsere Erziehung angemessen ist. Aber Migranteneltern erleben das stärker. Sie wissen einerseits nicht, wie sie ihr Kind richtig erziehen sollen und glauben zugleich, dass die Art, wie sie selbst erzogen wurden, nicht mehr angemessen ist. Die Konsequenz für einige ist, dass sie sich noch stärker zurückziehen. Sie halten sich noch mehr an traditionelle oder religiöse Vorgaben. Das erzeugt eine Illusion der Sicherheit.

 

Haben Eltern unterschiedlicher Herkunft unterschiedliche Erwartungen an Kinder?

Für türkische Eltern gibt es eine einfache Erziehungsmaxime: Respektiere die Älteren, liebe die Jüngeren. Das ist eine simple Hierarchisierung und bedeutet, dass man den älteren Geschwistern folgen und auf die jüngeren aufpassen muss. In Deutschland heißt es oft, dass die Kinder gleichberechtigt sind. In asiatischen Traditionen ist wiederum Gehorsam positiv besetzt. Damit tun wir uns schwer, weil wir unter Gehorsam militärischen Gehorsam verstehen. In Asien bedeutet Gehorsam aber, dass Eltern in ihrer Erziehung nicht versagt haben.

Wie sehr nehmen die gemeinsamen Werte in der zweiten und dritten Generationen von Migranten ab?

Es ist nicht immer so, dass sie abnehmen. In bestimmten Konstellationen ist es sogar umgekehrt. In Deutschland hat eine deutsche Mutter gegenüber ihrer Tochter unterschiedlichere Werte als eine türkische gegenüber ihrer Tochter. Wenn ich in einer Minderheit bin, erlebe ich meine Werte als bedroht, also muss ich sie viel stärker vermitteln. Hinzu kommt: In modernen Gesellschaften ist der Wertewandel viel stärker.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2012)