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In Reichenau ist auch die Musikwelt noch in Ordnung

Ressortmäßig unzuständig, freut sich der Musikkritiker, wenn er im Sprechtheater bei einem Schnitzler-Stück den rechten Tonfall vernimmt.

 

Für die Zwischentöne ist gesorgt. In Reichenau zumindest, wo man (siehe Kritik auf Seite 21)das Gefühl hat, dass Regisseure – wie früher ganz selbstverständlich – den Dichtertext als Grundlage ihrer Arbeit verwenden, nicht ihre eigenen Parerga und Paralimpomena zu diesem.

Da stimmt dann auch der Tonfall, in dem zum Beispiel Schnitzler gesprochen wird – eine Tugend, die erfahrungsgemäß mit dem Quadrat der Entfernung von der Rax jäh abnimmt und verschwindet, sobald der Berg außer Sichtweite gerät. Damit muss man sich offenbar abfinden.

Zu den schönen Reichenauer Nebeneffekten gehört beispielsweise, dass der unverkrampfte Zugang mit dem, was Theaterautoren in ihren Texten vorgeben, Hand in Hand geht mit einem ebenso unverkrampften Gefühl für das akustische Ambiente einer Theateraufführung.

Vieles, so heißt es, „geht ja heute nicht mehr“. Was wirklich nicht mehr geht, schon aus finanziellen Gründen: Das Engagement von klassischen Theaterkapellen, die in Umbaupausen dafür sorgen, dass der Stimmungsfaden nicht abreißt. Und die vor allem während der Szenen für die nötige Untermalung sorgen. Schauspielmusik!

Früher einmal gab es ja offenkundig in den Theatern jede Menge Platz und Budget für diesbezügliche Beschallung. Die hatte zuweilen symphonische Qualität. Was uns Nachgeborenen Partituren wie Mendelssohns „Sommernachtstraum“, Beethovens „Egmont“-Musik oder Edvard Griegs „Peer Gynt“-Suiten beschert hat. Nicht auszudenken, was Filmmusik-Arrangeure täten, gäbe es Griegs „Morgendämmerung“ nicht!

Heutzutage kommt die Geräuschkulisse in aller Regel via Lautsprecher – von einem Computer-File. In Reichenau greift man auf die jüngste Technologie jedoch nur zwecks optischer Effekte zurück. Aber die Musi spielt. Live. In Gestalt eines wunderbaren Harmonika-Musikanten, der nicht auf Mendelssohn oder Grieg zurückgreifen muss, schon gar nicht auf den notorischen „Reigen“-Walzer von Oscar Straus. Das wäre läppisch.

Helmut T. Stippich hingegen wandert wie ein einsamer Werkelmann durch die neue Reichenauer Theatermanege und führt im dezenten Ton – und in jedem Wortsinn – von Nummer zu Nummer. Er tut es fast beiläufig, dafür umso effektiver, weil unmerklich als subtiler Arrangeur von bekannten Melodien Schubert'scher oder Mozart'scher Provenienz. Mit Witz illustriert er auch, wie Menschliches und Allzumenschliches hie und da aus dem Takt geraten kann.

So trägt auch die Musik auf raffinierte, weil gänzlich unaufdringliche Weise dazu bei, dass sich der Besucher post festum die Frage stellt, warum derlei nur in Reichenau möglich sein sollte. Immerhin: Dort ist es möglich. Man soll ja vor allem immer die guten Nachrichten weitergeben.

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2012)