Mit seinen kongenialen Begleitern Jack DeJohnette und Gary Peacock begeisterte der Meisterpianist im Konzerthaus mit der hohen Schule der Jazzimprovisation. Und: Er hat fast gar nicht gezickt.
Manche behaupten, dass der Jazz tot ist: Seit 20 Jahren seien neue Strömungen, neue Stile Mangelware, der aktuelle Jazz könne als Wiederholung alter Spielweisen und alten Materials interpretiert werden. Als Beleg dafür wird die Renaissance von Jazzstandards angeführt – einer Bewegung, bei der Keith Jarrett federführend war: Der US-Starpianist, in den 1970er-Jahren mit Solo-Improvisationen („Köln Concert“) weltberühmt geworden, nahm 1983 eine schlicht „Standards“ genannte Platte auf, in der er klassische Jazzkompositionen des „American Songbook“ interpretierte. Mit von der Partie: der Schlagzeuger Jack DeJohnette und der Bassist Gary Peacock. Dieses Trio tourt seit fast drei Jahrzehnten durch die Welt, am Sonntagabend machte es – wieder einmal nach 23 Jahren – in Wien Station.
Das Publikum im knallvollen Konzerthaus erstarrte schon vor Beginn in Ehrfurcht und stellte das Reden ein, noch bevor Leben auf die Bühne kam. Was dann folgte, rechtfertigte die hohen Erwartungen. Schon im Opener „Stella by Starlight“ packten die Musiker ihre Qualitäten aus. Jarrett begeisterte mit seinem differenzierten Anschlag, es gibt keinen Stil, keine Phrasierung, die ihm fremd wären. Grunzend, singend, sich windend füllt er die komplexe Jazz-Harmonik sinnreich, scheut aber auch vor keinem reinen C-Dur-Akkord zurück – wenn er passt. In seinen Reharmonisierungen sitzt jedes Detail, aus einem einzigen repetierten Ton entwickelt er schier unendliche Melodiebögen voll Geist, Witz und Schönheit.
Immer neue Phrasen und Akzente
Kongenial seine Mitmusiker: DeJohnette spielt das Schlagzeug, wie wenn er gleichzeitig Orgel und Singstimme zur Verfügung hätte. Völlige Freiheit, ohne jemals den Takt zu vernachlässigen. Spröder ist da die Kunst Peacocks, in den Sechzigerjahren ein Neuerer des Kontrabasses, nun ein grundsolider Begleiter, von dessen Soli sich alle jungen, hungrigen Bassisten eine große Scheibe abschneiden können.
Alle drei beherrschen die Kunst der Mikrovariation. Kein Takt gleicht dem vorigen, es entstehen immer neue Phrasen, Wendungen, rhythmische Akzente – auch kollektiv. Die drei Musiker verstehen einander blind, wenden selbst sattsam bekannte Standards wie „Autumn Leaves“ in funkensprühende zeitgenössische Musik. Höhepunkte waren aber die Balladen, herausragend „Once Upon a Time“. Wenn das Ende des Jazz so klingt, dann ist das ein schöner Tod!
Jarrett fordert sein Publikum – nicht nur musikalisch, sondern auch disziplinär. Der Meister verbittet sich jegliche Störung durch Saalbeleuchtung, Fotoapparate oder Handys, seine Allüren und abgebrochenen Konzerte füllen die Archive der Jazzgeschichte. Am Sonntag war er aber fast gar nicht zickig: Er überhörte nobel ein Handyklingeln, erst als ein Zuhörer nach der – stürmisch bejubelten – zweiten Zugabe der Versuchung nicht widerstehen konnte, platze Jarrett der Kragen. „No photos means no photos“, waren seine einzigen Worte an das Publikum. Woraufhin er sofort abrauschte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2012)