Schottenberg: "Stachel im Fleisch der Wiener Gemütlichkeit"

Stachel Fleisch Wiener Gemuetlichkeit
Stachel Fleisch Wiener Gemuetlichkeit(c) Clemens Fabry
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Michael Schottenberg, der Direktor des Wiener Volkstheaters feiert am Dienstag seinen 60.Geburtstag. Mit der "Presse" sprach er über "Altchens" und Bert Brecht, die Josefstadt und seine rote Vespa.

Der Ruf von Theaterleuten ist vergleichbar mit dem von Journalisten. Man sagt ihnen nach, dass sie sich nächtens in leichter Gesellschaft herumtreiben, dann bis mittags schlafen, um später ein bisschen zu arbeiten. Wie sieht Ihr Tagesablauf als Direktor des Wiener Volkstheaters aus?

Michael Schottenberg: Genau, wie Sie es beschreiben! Bis weit nach Mitternacht bin ich mit Soubretten unterwegs, ich frühstücke am Nachmittag, treibe mich in der Welt herum! Außerdem haben Sie vergessen zu erwähnen, dass ich richtig mit Geld um mich schmeiße! Nein, im Ernst, das Gegenteil ist der Fall. Theaterdirektor ist einer der härtesten Jobs der Welt, weil man permanent für alle und für alles zuständig ist. Mir geht es wie einem Wirt. Wenn der nicht im Lokal ist, funktioniert es nicht. Aber nicht, weil ich es so gut kann, sondern, weil mein Theater meine Seele braucht.

Sind Sie viel auf Talentsuche unterwegs?

Ja, ich bin neugierig. Aber das sagt nicht viel. Ich kann ein Regietalent in Chemnitz entdecken, aber das ist noch keine Garantie dafür, dass es auch in Wien funktioniert. Gewählt wird, was mich persönlich aufregt, was ich für heute als relevant erachte. Das Konventionelle interessiert mich immer weniger. Ich werde im Alter radikal. Die „Dreigroschenoper“ hätte ich vor fünf Jahren sicher verspielter inszeniert, belanglos, äußerlich. Meine Bilder werden karger, einsamer. Vielleicht, weil die Welt kälter wird.

Welche Farbe hat das Wiener Volkstheater?

Rot! Eine schöne, kräftige Farbe mit Herzblut. Dazu bekenne ich mich auch gern.

Sie haben das verflixte siebte Jahr als Direktor hinter sich. Was ist aus Ihren Plänen geworden?

Ich wollte vor allem künstlerische Vielfalt, genau das ist es auch geworden. Im Grunde sind das tägliche Festwochen für ein breit gestreutes Publikum. Das Angebot reicht vom Niederschwelligen, etwa in der Roten Bar, bis zu unserem Tanker, das Haupthaus. Dieses Konzept hat ein bisschen gebraucht, aber es ist aufgegangen. Wir sind sehr mutig gestartet, mit politischen Ansagen wie dem Stück über die Morde an den Kindern vom Spiegelgrund. Dazu stehe ich. Wir sind der sozialkritische Stachel im Fleisch der Wiener Gemütlichkeit. Genau heuer, als wir den sperrigsten Spielplan hatten, mit „Kinder der Sonne“ oder „Jagdszenen aus Niederbayern“, war unsere erfolgreichste Saison.

Was haben Sie daraus gelernt?

In einer Zeit, in der keine Fragen mehr beantwortet werden, hat das Theater eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Menschen sehnen sich nach Entschleunigung, nach Zeit zum Überlegen. Das bietet Theater: Es zwingt zum Zuhören, zur Ruhe. Man sieht, wie Als-ob-Menschen Themen verhandeln. Wir haben eine kulturpolitische Aufgabe. Es ist nicht mehr das Theater der Zerstörung aus den Siebzigern oder das bildungspolitische davor, auch nicht das anarchistische der Umdichtungen, sondern eines der Geschichten, das die richtigen Fragen zur richtigen Zeit stellt.

Wie schätzen Sie die derzeitige Krise ein?

Wir werden verschaukelt und verkauft, geraten unter die Räder, während die Welt verzockt wird. Niemand gebietet dem Einhalt. Warum werden nicht der Mittelstand und die Schwachen gestärkt, sondern nur globale Unternehmen? Die Großen fressen die Kleinen. Nur die Kunst tut etwas dagegen: Wir vermitteln Werte. Um die geht es. Wir bilden Bewusstsein, in diesem Frei- und Denkraum Theater, und wagen sogar Utopien. Die Politiker sollten mehr ins Theater gehen, die Künstler sollten politisch mehr mitsprechen.

Wie geht es Ihrem Theater derzeit finanziell?

Wir sind erfolgreich. Wir verdienen Aufmerksamkeit. Wir verdienen sogar gutes Geld.

Wie hat sich Ihr Ensemble entwickelt?

Bei der Fußball-EM hat man gesehen, dass Stars noch keine Mannschaft ergeben. Meine Schauspieler sind alle Teamplayer, sie sind Stars, aber stellen sich in den Dienst der Sache. Ensembletheater hat hier Tradition. Für mein Ensemble suche ich die Stücke aus. Die bleiben nicht der Gage wegen bei mir, sondern, weil sie sehr vielfältige Aufgaben bekommen.

Am Anfang Ihrer Direktionszeit wurden sehr viele Abonnements aufgegeben. Welches Zielpublikum haben Sie sich denn gewünscht?

Ich liebe die Altchens – ich bin ja selber schon eines. Aber die Jungen und jene, die sich von konservativen Theaterformen nicht angesprochen fühlen, sondern das Neue suchen, die will man immer haben. Dies ist gelungen. Unsere Inhalte kommen an. Stücke von Dimitré Dinev, Felix Mitterer, Simon Stephens, Monochrom haben neues Publikum gebracht. Jene, die uns ihre Liebe aufgekündigt haben, sahen ihre Erwartungen nicht mehr erfüllt. Das Abo-Publikum ist meist gesetzteren Alters, der Abgang ist teils genetisch vorgegeben. Aber das Volkstheater hat nie von seinen Abonnements gelebt, das Publikum gehörte nie zur Hautevolee wie jenes im Burgtheater. Genau die Zahl der Zuseher aber, die wir am Anfang verloren haben, ist in den Bezirken dazugekommen. Diese Durchmischung war belebend. Und wir haben an der Abendkassa extrem zugelegt. Die Gesamtauslastung beträgt derzeit 85 Prozent.

Wie bestechen Sie Autoren, damit sie für Sie schreiben oder Stücke zur Verfügung stellen? Mit Rotwein? Um Peter Turrini ist zurzeit zwischen der Josefstadt und Ihnen ein ziemliches G'riss...

Den Turrini besteche ich mit Whisky. Für seine Lesung im Oktober bekommt er eine schöne Flasche. Mit Geld kann ich nicht bestechen, aber mit Obsorge, guter Atmosphäre, einem extrem engagierten Ensemble. Solch wertkonservative Mittel setze ich zur Bestechung ein. Unsere Künstler kommen nicht der Gage wegen. Sie kommen, weil sie hier wie nirgends anders geschätzt und gepflegt werden. Außerdem interessieren mich junge Regisseure. Wenn etwa der junge Serbe Miloš Lolić Wolfgang Bauers „Magic Afternoon“ von 1968 neu interpretiert, finde ich das extrem spannend. Ein neuer Blick von außen.

Aber Nestroy, Raimund und das Epische Theater bleiben wohl die Säulenheiligen hier. Sagen Sie sich da nicht manchmal: „Verdammt, jetzt muss ich schon wieder Brecht lesen“?

Das ist meine selbst auferlegte Geiselhaft als Volkstheater-Direktor, eine Art Flagellage! Ich lasse mir den Brecht und den Nestroy von den Soubretten vortragen, so wie Heimito von Doderer dicke, nackte Frauen mit Kellnerinnenschürzen durch den Raum kriechen ließ. Von einem erhöhten Sessel aus hat er diese Aktion geprüft. Der Mann hat gewusst, wie's geht.

Doderer war also doch ein guter Mensch. Sagen Sie einmal etwas Böses über Brecht.

Er hatte in vielem recht, aber mit seinen Frauen ist er nicht gut umgesprungen. Er war ein Filou und hat Texte geklaut. Sehr sympathisch! Er gehört ins Volkstheater, so wie der geniale Nestroy, der wohnt auch in meinem Kopf. Aber ich kann nicht so viel produzieren wie in den guten alten Theaterzeiten, deshalb gibt es nicht das jährliche Säulenheiligenprogramm.

Wie schätzen Sie sich selbst als Darsteller ein?

Ich spiele ja kaum mehr, und wenn, dann nur die Rollen, die kein anderer will. Es gibt ja keine Nebenrollen, sondern nur gute und bessere. Ich nehme die schlechten.

Ich höre, Sie haben ein Hobby. Eine rote Vespa!

Das ist mein neues Lebensgefühl, so frei durch die Stadt zu brausen. Neulich fahre ich auf dem Ring, ganz stolz, mit rotem Helm, und denke, die Welt gehört mir. Da braust neben mir ein offener Porsche vorbei. Wer sitzt drin? Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann. Das hat mich kurz irritiert. Aber dann war ich sehr stolz auf meine Vespa.

Woher kommt Ihr Name? Schottenberg klingt so edel, als ob Ihre Vorfahren Vögte waren.

Das habe ich noch niemandem verraten: Was glauben Sie, wie die Gegend vom Café Eiles bis zum Theater in der Josefstadt heißt? Richtig! Direktor Föttinger sitzt, ohne es zu wissen, auf dem Schottenberg.

Ein grauenhaftes Bild!

Für wen von uns beiden? Das können Sie sich im Bezirksmuseum ansehen. Irgendwann im Mittelalter wurden auf dieser Wiese die Schotten und die Juden angesiedelt. Ich frage mich schon zuweilen, ob hier im Siebten bei uns irgendwo unterirdisch die Föttinger durchfließt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2012)

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