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Kurz stellt Sprachunterricht und Schulversuche infrage

Kurz stellt Sprachunterricht Schulversuche
(c) REUTERS (LISI NIESNER)
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Migranten sind in niedriger Bildungsschicht überproportional vertreten. Das zeigt der neue Integrationsbericht, den Staatssekretär Sebastian Kurz am Montag in Wien präsentierte.

Wien. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Migranten sind in Österreich besonders gebildet – oder besonders ungebildet. So haben zwar 35 Prozent aller Personen mit Migrationshintergrund im Alter von 25 bis 64 die Matura oder einen akademischen Abschluss, bei den Nichtmigranten sind es nur 29 Prozent. Doch auch auf den unteren Stufen im Bildungssystem sind Migranten der ersten oder zweiten Generation überrepräsentiert: 13 Prozent der Schüler mit nicht-deutscher Muttersprache brechen ihre Ausbildung schon nach der achten Schulstufe ab, das sind knapp 8000 Schüler. Bei den deutschsprachigen Schülern sind es vier Prozent, die vor dem Pflichtschulabschluss gehen.

Überdurchschnittlich vertreten sind Migranten auch in Sonderschulen, Hauptschulen, Neuen Mittelschulen und polytechnischen Lehrgängen. Das zeigt der neue Integrationsbericht, der auf Daten der Statistik Austria beruht und den Staatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) am Montag in Wien präsentierte.

„Der Bildungsbereich ist sicher die größte Baustelle“, sagt Kurz anlässlich des Berichts im Gespräch mit der „Presse“: Er wolle nun in erster Linie bei den Jungen und Jüngsten ansetzen. Sein konkretes Vorhaben für den Herbst sei es, zwei Bereiche im Detail zu prüfen, nämlich jenen von „Spracherwerb und Bildung“ und, parallel dazu, „Werte und Religion“. Im ersten Fall stellt Kurz auch seit Jahren bestehende Maßnahmen infrage: etwa jene, dass Migrantenkinder oft schon unmittelbar, nachdem sie (mit ihren Eltern) eingewandert sind, als außerordentliche Schüler in den Unterricht integriert werden. Sie de facto „sofort ins Regelschulwesen aufzunehmen, selbst wenn sie kein Wort Deutsch können – da muss man schauen, ob das sinnvoll ist“, sagt Kurz der „Presse“.

Er wolle nun feststellen, was genau mit den außerordentlichen Schülern passiert, die zurzeit neben dem normalen Unterricht etwa elf Stunden Deutschunterricht außerhalb der Klasse absolvieren, sagt Kurz. „Ist der Weg gescheit?“, diese Frage müsse rasch geklärt werden.

 

Muttersprachlichen Unterricht prüfen

Auch den „Wildwuchs an Schulversuchen“ zum muttersprachlichen Unterricht will der Staatssekretär bald durchforsten. So habe er kürzlich eine Klasse besucht, in der elf Migrantenkinder sowohl in Deutsch als auch in Türkisch unterrichtet werden. Doch drei der Kinder seien gar nicht türkischsprachig. „Da gibt es viele gut gemeinte Initiativen“, sagt Kurz: „Manche sind gut, aber andere vielleicht nicht.“

Außer der Bestandsaufnahme plant der Staatssekretär für den Herbst Gespräche mit dem verantwortlichen Unterrichtsministerium Claudia Schmieds (SPÖ) und den für die Pflichtschulen zuständigen Ländern. Nicht immer werde es dabei um mehr Geld für neue Fördermaßnahmen gehen: In vielen Bereichen könnte man auch „intelligent“ umschichten.

Zum Thema „Werte und Religion“ setzt Kurz unter anderem auf das bereits gestartete „Dialogforum Islam“, einen institutionalisierten Dialog mit Muslimen in Österreich, und den neuen Staatsbürgerschaftstest, bei dem nicht mehr nur Faktenwissen, sondern vor allem österreichische Grundwerte abgefragt werden.

„Früh investieren statt später reparieren“, so erklärt er sein Engagement für die Jungen und die jung Zugezogenen. So könnte man etwa auch Arbeitslosigkeit eindämmen, sagt Kurz der „Presse“. Nur 65 Prozent der Migranten hatten zuletzt einen Job, bei den Nichtmigranten waren es 74 Prozent. Das Gesamturteil des Staatssekretärs anlässlich des Integrationsberichts: „Grund zur Euphorie haben wir noch lange nicht.“

Im Vorjahr kamen rund 130.000 Personen nach Österreich (ein Plus von 14 Prozent gegenüber 2010), 95.000 wanderten ab (plus 9,2 Prozent). Die meisten Zuwanderer, nämlich 72.000, kamen aus dem EU-Ausland. Mit 971.000 Personen stellten die Ausländer zuletzt 11,5 Prozent der Gesamtbevölkerung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2012)