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Eichengreen: "Ökonomen-Brief bestärkt Irrglauben"

Eichengreen
(c) Die Presse
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US-Volkswirt Barry Eichengreen kritisiert den umstrittenen offenen Brief von rund 170 deutschen Top-Ökonomen. Indes springen erste Unterzeichner ab.

Nun hat der Streit der deutschen Top-Ökonomen auch die USA erreicht. "Der Brief ist reich an hitziger Rhetorik und arm an sachlichen Details", kritisiert US-Ökonom und Währungsexperte Barry Eichengreen in der "Financial Times Deutschland" (FTD) den offenen Brief von ifo-Chef Hans-Werner Sinn und mittlerweile rund 200 Gleichgesinnten. Diese hatten öffentlichkeitswirksam vor dem Weg der EU in eine Bankenunion gewarnt, da diese eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Euro-Systems bedeute (siehe "Top-Ökonomen warnen"). Daraufhin hatten bereits namhafte deutsche Ökonomen widersprochen. Sie sprachen von "schlimmster Stammtisch-Ökonomie" und formulierten eine Gegen-Position.

"Der Brief bestärkt die deutsche Öffentlichkeit in dem Irrglauben, dass man den Euro behalten, aber zugleich alles in Richtung Bankenunion verneinen kann. So etwas trägt nicht dazu bei, die Krise zu lösen", sagt Eichengreen.

"Brief ist offen fremdenfeindlich"

Zuletzt hatte sich auch der deutsche Bundestagspräsident Norbert Lammert eingemischt und den Wirtschaftsexperten seines Landes ein schlechtes Zeugnis ausgestellt, wie "DiePresse.com" berichtete. Die Ökonomen hätten sich in der Krise nicht als hilfreich erwiesen, sagte er am Wochenende.

Eichengreen ist nicht der einzige internationale Kritiker. "Ich halte den Aufruf für zu simpel, unklar und ideologisch", zitiert die "FTD" den Harvard-Ökonomen Alberto Alesina. "Dieser Text zeigt kein Verständnis davon, was eine Bankenkrise ist - als ob sie 2008 und in den früheren Krisen geschlafen hätten", urteilt dem Blatt zufolge auch der Schweizer Ökonom Charles Wyplosz. Er hält den Text sogar für offen fremdenfeindlich. Und auch US-Ökonom Dani Rodrik hält den Brief für einen Fehler: "Es würde zum Kollaps des Euro führen, wenn man dem Rat dieser Ökonomen folgen würde".

Hans-Werner Sinn und das Portemonnaie

Gleichzeitig haben die Ökonomen, die den Aufruf starteten, ihren Kritikern geantwortet. "Wir weisen die Anschuldigungen, die Öffentlichkeit sei in unserem Aufruf falsch informiert worden, entschieden zurück", schreibt ifo-Chef Sinn in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Er hält fest: "Wir sehen nicht, wie man den Missbrauch des Restrukturierungsfonds und der Einlagensicherung für die Vergemeinschaftung der Abschreibungsverluste verhindern könnte, wenn diese Instrumente erst einmal eingerichtet sind und dann auch rückwirkend für Verluste angewandt werden, die vor der gemeinsamen Regulierung entstanden sind."

Und Sinn legt nach: "Der Ablauf ist immer der gleiche: Erst werden wir mit dem Placebo der politischen Schranken und Verhaltensmaßregeln bewogen, das Portemonnaie zu zücken, und wenn das Portemonnaie erst einmal auf dem Tisch liegt, werden wir bedrängt, auf die politischen Schranken zu verzichten. Das Spiel hat sich mittlerweile so häufig wiederholt, dass wir nicht verstehen, woher die deutsche Regierung und einige unserer Kollegen die Hoffnung nehmen, dieses Mal könnte alles anders sein."

Erste Unterzeichner springen ab

Indes berichtet die "FTD" davon, dass die ersten der rund 200 Unterzeichner des offenen Briefes abspringen. Neun von ihnen sollen bereits einen Aufruf unterzeichnet haben, der eine Bankenunion als unverzichtbar bezeichnet.

(Red.)