Umwelt: Wall Street entdeckt den Klimaschutz

Die Erderwärmung ist schlecht für das Geschäft, meinen Investmentbanker.

WIEN. Investmentbanker an der New Yorker Wall Street haben ein neues Wort entdeckt: "Klimaschutz". Spätestens nach den tödlichen Verwüstungen, die der Hurrikan Katrina in New Orleans angerichtet hat, stellen Experten von Goldman Sachs und J. P. Morgen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Klimaerwärmung öffentlich in Rechnung. Dabei geht es nicht um den geschätzten Schaden von 200 Mrd. Dollar, die die Wirbelstürme in den USA angerichtet haben. Die globale Erwärmung stelle auch eine Gefahr für Investoren und öffentliche Pensionsfonds dar, heißt es.

"Die Wall Street wird Naturkatastrophen und Erderwärmung definitiv mehr Aufmerksamkeit schenken müssen", sagt Michael Juhnston. Seine Aussage hat Gewicht. Juhnston ist Manager bei der Capital Group. Der drittgrößte Investmentfonds in den USA verwaltet ein Vermögen von einer Billion Dollar.

"Nach Katrina wird Washington handeln müssen", meint auch Morton Cohen, Hedgefonds-Manager der Clarion Group in Cleveland. Es sei einleuchtend, dass die USA die Verbrennung von Kohle reduzieren müsse, meint er.

Dass in den USA drei Monate vor dem Klimagipfel in Montreal öffentlich über die ökonomische Dimension des Klimawandels diskutiert wird, sieht Werner Wutscher, Generalsekretär im Lebensministerium in Wien, als Chance. "Die Schlüsselfrage lautet: Gelingt es die Entwicklungsländer, aber auch die USA, an Bord zu bekommen?", sagt er. Bekanntlich weigerten sich die USA, das Kyoto-Protokoll zur Senkung der Treibhausgase zu unterzeichnen, da China und Indien dem Bündnis ebenfalls nicht beitraten. Kyoto würde den USA fünf Millionen Jobs kosten, argumentiert Georg W. Bush.

Nun sind die großen Schwellenländer - China, Indien, Brasilien, Mexiko und Südafrika - bei den Vorbereitungs-Konferenzen zu Montreal zumindest mit am Tisch. Die wissenschaftliche These, dass ohne Klimaschutz die Erderwärmung um 1,4 bis 5,8 Grad Celsius zunehmen wird, werde unter Fachleuten nicht mehr angezweifelt, meint Wutscher. Die Erderwärmung würde bis zum Jahr 2100 zu einem Ansteigen des Meeresspiegels um neun bis 88 Zentimeter führen. Weite Teile Südostasiens würden von der Landkarte verschwinden. Bangladesch, Indien, Indonesien seien extrem betroffen. Millionenmetropolen wie Shanghai könnten sich nasse Füße holen. "Auch Boston und Manhattan liegen in der roten Zone", meint Helmut Hojesky, Umwelt-Experte im Lebensministerium.

Wall Street unter Wasser? "Analysten machen sich Gedanken über die kommenden zwölf Stunden, der Klimawechsel ist für sie viel zu weit weg", sagt William Andrews von C. S. McKee. J. P. Morgen-Manager Marc Levinson sieht die Bush-Administration in einer Sackgasse. "Sie behauptet weiterhin, dass die globale Erwärmung kein wirkliches Problem darstellt. Aber jeder, der sich ernsthaft mit dem Thema auseinander setzt, sagt: Das ist ein Problem."

Die Gretchenfrage lautet: Wie bringt man Wachstum und Umweltschutz unter einen Hut? Studien gehen davon aus, dass bis 2030 der Energiebedarf weltweit um 60 Prozent steigen wird. Zwei Drittel davon entfallen auf Entwicklungsländer, allen voran China und Indien. Um diesen Bedarf zu decken, müssen 13 Billionen US-Dollar in Kraftwerke investiert werden. Windparks und Solaranlagen werden sich in Indien und China wohl nicht durchsetzen.

Doch vorerst geht es darum, dass jedes Land seine eigenen Hausaufgaben macht. In Österreich, so berichtet Werner Wutscher, wird gerade ein Klima-Strategie ausgearbeitet. "Es geht vor allem um Bewusstseinsbildung", heißt es im Ministerium. Also um effiziente Energienutzung im Haushalt, Bio-Treibstoff oder Mobilitäts-Management für Betriebe.

Zumindest in Europa ist Klimaschutz mittlerweile auf dem wirtschaftspolitischen Tapet: Das Thema stand beim G 8-Treffen im Juni in Großbritannien ganz oben auf der Tagesordnung. Ein weltpolitisches Signal, das von einem anderen weltpolitischen Ereignis überschattet wurde: den Bombenanschlägen in London durch islamische Terroristen.

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