Geduld am seidenen Faden

Athen hat das Vertrauen bei den internationalen Geldgebern beinahe verspielt.

Den Menschen fehlt nicht die Kraft. Es fehlt ihnen der Wille. Was Victor Hugo einst so treffend formulierte, könnte Griechenland bald bitter zu spüren bekommen. Denn die entnervten Geldgeber – allen voran das mächtige Deutschland – verlieren zusehends die Geduld mit dem maroden Eurostaat. Nicht ohne Grund: Was bisher aus dem jüngsten Troika-Bericht durchsickerte, ist haarsträubend. Demnach hat Athen bisher lediglich ein Drittel der auferlegten Sparmaßnahmen erfüllt. Doch die Regierung gelobt nicht etwa Besserung – im Gegenteil: Aus Angst vor sozialen Unruhen will sie mehrere bereits zugesagte Reformen ersatzlos streichen.

Taktiererei und innenpolitische Querelen haben in den vergangenen (Wahlkampf)-Wochen das Geschehen in Griechenland beherrscht. Nun muss Regierungschef Samaras beweisen, dass Athen zur Umsetzung wichtiger Sparauflagen bereit und fähig ist – sonst hat Griechenland das Vertrauen endgültig verspielt.

 

anna.gabriel@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)