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Carinthischer Sommer: Subtile Erotik im sakralen Raum

(c) Carinthischer Sommer (Ferdinand Neumueller)
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Zum letzten Mal startete der „Carinthische Sommer“ mit der Uraufführung einer Kirchenoper: „Sara und ihre Männer“ erzählt die Geschichte von Abrahams Frau.

Man sollte es nicht für möglich halten, und doch ist daran nicht zu rütteln: Dem scheinbar unausweichlichen Spardiktat folgend, muss der „Carinthische Sommer“ in Zukunft auf die Uraufführung einer Kirchenoper verzichten. In Anwesenheit des Bundespräsidenten gelangte am Donnerstag in der prächtigen Ossiacher Stiftskirche das finale Auftragswerk „Sara und ihre Männer“ des Kärntner Komponisten Bruno Strobl nach einem Libretto des nunmehrigen Pfarrers von Klagenfurt-Welzenegg, Peter Deibler, zur Uraufführung.

In sechs Bildern und mit einer Dauer von fünf Viertelstunden wird die alttestamentarische Geschichte von Sara erzählt, die aus Sorge um die Nachkommenschaft ihrer erwählten Sippe die Magd Hagar ihrem Mann Abraham zuführt, um dann selbst noch in hohem Alter durch göttliche Gnade zur Mutter Isaaks zu werden. Zu erwarten wäre also der hundertste Durchlauf einer plakativen feministischen Genderstory, doch es ereignet sich gleich von Beginn an weit mehr, nämlich die so überzeugende wie berührende Darstellung einer genuinen Glaubenserfahrung in unserer modernen Welt.

 

Orientalische Exotismen à la „Salome“

Bruno Strobl überrascht zu Beginn und am Schluss seiner Partitur mit orientalischen Exotismen im Stil der „Salome“ in den Bläserstimmen des von Thomas Rösner souverän geleiteten, acht Ausführende umfassenden Kammerensembles. Die Musik trifft den Charakter der insgesamt sechs Bilder, umrahmt von einem Prolog und Epilog, jeweils punktgenau. Als leitende Ausdrucksform seiner Musik wählt der Komponist eine expressive Deklamation meist solistischer Stimmen, die Orchestermusik orientiert sich an einer Art „Wellenform“, die das Werk als Ganzes zu strukturieren vermag und immer wieder Anklänge an tonale Welten enthält.

Zwischen den einzelnen Bildern tritt Isabella Wolf als Sprecherin in Erscheinung und leitet mit deklamatorischer, wortdeutlicher Raffinesse durch die Abfolge der Handlung. Diese wird von Manfred Lukas-Luderer in Szene gesetzt, man spürt seine Bühnenerfahrung als Schauspieler, alles ist hochprofessionell, sinnlich umgesetzt, stets unmittelbar nachvollziehbar und durchgehend subtil erotisch grundiert. Es gibt keinen einzigen dramaturgischen „Hänger“, die Spannung bleibt durchgehend bestehen, es wölbt sich ein Bedeutungsbogen über den ganzen Abend. Zum wahrhaft ergreifenden Höhepunkt gerät dann jene zentral platzierte Szene, in der drei geheimnisvolle Fremde Sara ihre späte Mutterschaft ankündigen: Genau in diesem Moment wird das Altarbild der sonst abgedunkelten Kirche mittels eines warmen Lichtkegels beleuchtet, das die Verkündigung Marias durch den Erzengel Gabriel zeigt – das nennt man einen durchdachten, sinnlich umgesetzten Verweisungszusammenhang, eine geglückte Verschmelzung moderner Technik mit kirchlichem Erbe! Solche Details wirken nie dozierend oder gar belehrend, sondern stehen tief in der Tradition theatralisch-rhetorischer Lichtsymbolik spezifisch katholischer Herkunft, solche Wirkungen bedürfen eben eines kirchlichen Raumes.

 

Ohne billige und provokante Polemik

Die so anspruchsvolle Aufgabe, selbstbewusste weibliche Erotik in sakralem Ambiente ohne billige und provokante Polemik glaubhaft zu vermitteln, wird von Susannah Haberfeld in beeindruckender Weise gelöst. Sie verleiht Sara durch ihren dunkelweich timbrierten Mezzo, und ihr ausdrucksstarkes Spiel weibliche Präsenz, nichts wirkt im Leisesten derb oder outriert, man vermag nachzuvollziehen, dass hier eine Frau nicht schon im Voraus vor dem göttlichen Willen bigott kapituliert. Ihre Magd Hagar findet in Bibiana Nwobilo, einem österreichischen Sopran mit nigerianischen Wurzeln, eine optisch und vokal einnehmende Darstellerin, als Pharao betont Alexander Kaimbacher gekonnt dessen orientalisch-patriarchale Wesenszüge.

Das Publikum reagierte mit spontanem, begeistertem Applaus am (hoffentlich doch nur vorläufigen) Ende der Ossiacher Kirchenopern.

Weitere Aufführungen: 25.Juli, 8.August. Übertragung in Ö1: 20.Juli, 23.03 Uhr

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)