Opernball-Choreograf: Der Mann, der Wien eroberte

OpernballChoreograf Mann Wien eroberte
OpernballChoreograf Mann Wien eroberte(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Als jüngster Choreograf der Opernballeröffnung sorgte der Wiener Ismet Özdek über Österreichs Grenzen hinaus für Schlagzeilen. In der Türkei wird er jetzt als "Eroberer Wiens" gefeiert.

Was war das für ein Bild. Ismet Özdek, der Ziegenhirte aus Anatolien, geschniegelt und gestriegelt auf einem Podest vor 144 strahlenden Debütanten-Paaren. Wie sie ihn mit ihren Blicken fixierten und ungeduldig auf sein Kommando warteten, um den Wiener Opernball zu eröffnen und ein lebendiges Klimt-Werk auf das Parkett zu zeichnen. Eine Choreografie aus der Feder Özdeks, des Schuhputzers aus ärmlichsten türkischen Verhältnissen, der erst mit elf Jahren nach Österreich kam und mit Ehrgeiz und Geschick eine Traumkarriere hinlegte.

„Der Mann, der mit seiner Kunst Wien eroberte“, titelte die auflagenstarke türkische Tageszeitung „Milliyet“ am Tag nach dem Opernball und widmete seinem „historischen Erfolg“ eine ganze Seite voller hymnischer Bewunderung. Der Höhepunkt der Berichterstattung um den Tanzlehrer aus Wien, der wochenlang in Zeitungsinterviews, Magazinen und TV-Shows seine Geschichte erzählen durfte. Von seiner Kindheit in der ostanatolischen Provinz Bingöl, ohne Strom und fließendes Wasser. Den vier traumatischen Jahren in der türkischen Metropole Bursa, in denen er als Schuhputzer arbeiten musste, um sich Schulbücher zu kaufen.

Und schließlich von der Ankunft in Österreich 1990 und in weiterer Folge der Ausbildung zum Elektroanlagentechniker und Tanzlehrer inklusive eigener Schule, mit der er die Ausschreibung für die Choreografie der Opernballeröffnung gewann. Stationen eines Lebens, das sich für eine mediale Ausschlachtung perfekt eignet. Und die ihn ans Ziel einer langen Reise geführt haben. Denn obwohl er bisweilen immer noch wie ein schüchterner Hirtenjunge wirkt und seine Selbstzweifel laut eigener Aussage nie wirklich losgeworden ist, führt er seit einigen Monaten das Leben eines Prominenten.


Kurioses und Vielversprechendes. „Tatsächlich ist seit dem Opernball kaum ein Stein auf dem anderen geblieben“, sagt Özdek. „Ich werde ständig auf Wohltätigkeitsveranstaltungen eingeladen. Sozusagen als Stargast. Nicht nur in Österreich, auch in der Türkei. Gebe Tanzunterricht in Schulen sowie Ferienanlagen im Ausland und werde mittlerweile sogar auf der Straße erkannt.“ Einmal sei er in der U-Bahn bei einer Volksschulklasse gestanden, als sich zwei Schüler unüberhörbar darüber unterhalten hätten, ob er wohl der Tanzlehrer aus dem Fernsehen sei. „Was folgte, war ein minutenlanges Rätseln, ob ich es bin oder nicht.“ Er habe schließlich die Flucht angetreten und sei in die nächste Garnitur weitergezogen. „Aber die Schüler gingen mir nach und haben weiterhin untereinander getuschelt. Sie dachten, ich bekomme es nicht mit. Eine verrückte Situation.“

Noch verrückter war die Idee einer Immobilienfirma, Özdek als Makler einzuspannen, um große Wohnungen und Häuser an kinderreiche türkische Familien zu vermitteln. Ein Angebot, das der 32-Jährige ebenso ablehnte wie den Vorschlag aus dem Büro des Kulturstadtrates, sich um die Organisation der Nestroy-Gala zu bewerben. „Ich bin Tanzlehrer, kein Eventmanager. Da hat jemand wohl etwas verwechselt.“

Der neu erlangte Ruhm trug ihm aber nicht nur Kurioses, sondern auch spannende neue Karriere-Perspektiven ein. Seine Tanzschule in Bruck an der Leitha wird überrannt, derzeit laufen Gespräche über die mögliche Übernahme eines oder mehrerer großer Studios in Wien, an Finanziers mangelt es nicht. „Konkretes darf ich nicht verraten, aber es sieht so aus, als könnten wir bald auch in Wien loslegen“, schwärmt Özdek. „Tanzen und Musik haben etwas Verbindendes. Mein großer Traum ist es, eines Tages ein riesiges Studio zu betreiben, in dem ich Leute aus allen Teilen der Welt unterrichte.“

Es gehe schließlich nicht darum, woher man kommt, welche Sprache man spricht, sondern darum, „wie man lebt und welchen Beitrag man in der Gesellschaft leistet“. Eine Erfahrung, die er in seinem ehrenamtlichen Engagement als Sanitäter beim Roten Kreuz in Gerasdorf gemacht hat: „Wenn ich zu einem Unfall gerufen werde, werde ich auch nicht gefragt, woher ich komme, sondern da wird die Hilfe einfach angenommen.“


Schattenseiten als Rolemodel. Trotz der grundsätzlich positiven Resonanz auf seine öffentlichen Auftritte, in denen er als Paradebeispiel für einen voll integrierten Zuwanderer zur Schau gestellt wurde, hat Özdek in Ansätzen auch schon die Schattenseiten seiner Vorbildrolle kennengelernt. In der türkischen Gemeinde Österreichs wurde immer wieder Kritik laut, dass er seine Kindheit als armer Ziegenhirte zu dramatisch geschildert und so allzu abgedroschene Klischees bedient habe. „Ich kann diese Vorwürfe nachvollziehen, aber ich habe in keinem Punkt übertrieben“, rechtfertigt sich Özdek. „Darüber hinaus war es mir extrem wichtig, die Karten über meine Vergangenheit auf den Tisch zu legen und keine Fragen offen zu lassen. Ich wollte tunlichst vermeiden, dass die Medien diese Dinge selbst enthüllen und ich so dargestellt werde, als wollte ich sie verheimlichen.“

Er käme nun einmal aus ärmlichen Verhältnissen und schäme sich dafür nicht. „Es macht mir auch nichts aus zu verraten, dass mein Vater eine Zeit lang nach Libyen ging, um dort zu arbeiten und seine Familie zu ernähren. Wenn man mich als Rolemodel für gelungene Integration in die Auslage stellen will, dann mit meiner ganzen Geschichte.“

Generell wolle er aber keiner von denen sein, „die ständig theoretisch über Integration lamentieren“. Auch wenn er zu Staatssekretär Sebastian Kurz' Integrationsbotschaftern gehört. Wenn er eine Botschaft habe, dann sei sie in seiner Art zu leben erkennbar. „Über persönlichen Erfolg rede ich nicht gern, ich denke einfach nicht in diesen Kategorien. Aber angesichts der Tatsache, dass ich bei Null angefangen und mittlerweile mein Hobby zum Beruf gemacht habe, kann man schon von einem erfolgreichen Werdegang sprechen“, bekennt er und zeigt Sinn für Selbstironie: „Seine Träume kann man trotz ungünstiger Ausgangslage verwirklichen. Auch, wenn nicht jeder Wien erobern kann wie ich.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)

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