Die Sommerspiele sind nicht nur für die ÖOC-Athleten der Höhepunkt. Zahlreiche österreichische Betriebe erhielten lukrative Aufträge.
Wenn am Abend des 27.Juli die nationalen Fahnenträger in das neue Olympiastadion von London marschieren, wird ein Österreicher ganz besonders glücklich dreinschauen. Dabei handelt es sich aber nicht um den Schwimmer Markus Rogan, der die aus 70 Athleten bestehende heimische Mannschaft mit der rot-weiß-roten Flagge anführen wird. „Das wird etwas ganz Besonderes“, schwärmt Hannes Marterbauer, „wenn die Sportler einmarschieren und die Kameras das Stadion im Licht zeigen.“ Denn an dem weißen Dach mit den dreieckigen Flutlichtmasten, dem bekanntesten Merkmal der wichtigsten Spielstätte dieser Sommerspiele, war der Ingenieur maßgeblich beteiligt.
Die in Schörfling am Attersee ansässige Firma Seele, dessen Geschäftsführer Marterbauer ist, hat das Dach geliefert und montiert. Gegen fünf weitere Bewerber setzte sich das Unternehmen in der Ausschreibung vor drei Jahren durch und erhielt damit einen der prestigeträchtigsten Aufträge. „Das Auftragsvolumen von sieben Millionen Euro macht es nicht zum größten Geschäft für uns. Aber ein Olympiastadion zu bauen, ist absolut einmalig“, erklärt Marterbauer, der selbst begeisterter Radfahrer und Tennisspieler ist.
Dabei ist die Firma Seele nicht der einzige österreichische Betrieb, der von den Olympischen Spielen profitiert. An die 20 Unternehmen haben sich Aufträge gesichert, die von Transportinfrastruktur über die Erschließung der Gelände bis zum Sicherheitszaun um den olympischen Park reichen. So sind die Spiele unabhängig vom Abschneiden der ÖOC-Athleten in betriebswirtschaftlicher Hinsicht schon ein Erfolg.
Energie und Transport. Gerade im Osten Londons, wo die meisten Wettbewerbe stattfinden werden, herrschte im Vorfeld der Spiele Handlungsbedarf. Neben zahlreichen zu erbauenden Spielstätten sollten die ärmeren Stadtteile infrastrukturell aufgewertet werden. So wurde etwa die Bahnlinie Docklands Light Railway (DLR) erweitert, unter Mitarbeit des Bregenzer Bauunternehmens Rhomberg, das Bahntechnik in Form von Spurhaltern und Heberichtkeilen beitrug.
Der Tiroler Betrieb GE Jenbacher sorgt bei zwei erdgas- und biomassebetriebenen Energiecentern während und nach den Spielen für Stromversorgungs-, Heiz- und Kühlsysteme. Für die Tiroler Firma Doppelmayer, die weltweit Gondelsysteme baut, bot sich zudem die Möglichkeit, den ersten Gondelzug über die Themse zu errichten. Seit gut zwei Wochen ist das System, das langfristig auch als Fixbestandteil des öffentlichen Transportnetzwerks gedacht ist, in Betrieb.
Allerdings sind einige im Zuge der Olympischen Spiele angestoßenen Projekte unter Londons Einwohnern nicht ganz unumstritten. So etwa das Einkaufszentrum Westfield in Stratford, nahe dem olympischen Park, über dessen Errichtung viele kleinere Geschäfte in der Umgebung klagen. Das Argument liegt auf der Hand: Das Zentrum nehme ihnen die Kundschaft weg. Für den 350 Geschäfte fassenden Bau, es wird das größte Shoppingcenter Europas, hat das Wiener Stahlbauunternehmen Waagner-Biro an der Dachverglasung mitgewirkt.
Noch mehr Kritik erhielt ein Sicherheitszaun, der samt patrouillierenden Hunden und Wachmännern den olympischen Park von der Außenwelt abschottet. Der Draht für den Zaun kommt vom oberösterreichischen Betrieb Welser Profile. Das Wiener Hightech-Unternehmen Frequentis hat zudem an der Kommunikationstechnik für die Londoner Polizei mitgearbeitet, deren Arbeit im Zuge der Spiele in den Augen vieler Londoner als sicherheitsfanatisch gilt.
Die meisten Aufträge aber wurden im direkten Zusammenhang mit Spielstätten vergeben. GIG Fassaden aus Österreich hat 1800 Fensterelemente, Wintergärten und Vordächer für die Wohnungen im seit vergangenen Mittwoch geöffneten olympischen Dorf sowie für Teile des Velodroms bereitgestellt. Der Grazer Betrieb XAL ist für Teile der Beleuchtungsanlage der Handballhalle zuständig.
Am Wembleystadion, in dem während Olympia Fußball gespielt wird, haben gleich zwei österreichische Unternehmen mitgearbeitet. Stahl kommt von Voestalpine, die Beleuchtungsanlage von Zumtobel aus Vorarlberg. Der oberösterreichische Holzbauer Wiehag hat zudem die für das britische Team reservierte olympische Trainingshalle im nordenglischen Sunderland errichtet, die insbesondere für ihre Energieeffizienz gelobt wird.
Fassaden des Aquatics Centre. Das Unternehmen Seele hat neben dem Dach für das Olympiastadion auch noch am Aquatics Centre, einem der Prunkstücke im Olympiapark, mitgebaut. Für die derzeit 17.500 Zuschauer fassende Halle, in dem die Wassersportbewerbe ausgetragen werden, wurden alle Glasfassaden konstruiert. Wenn die olympischen Wettkämpfe vorbei sind, wird das Fassungsvermögen der Halle auf 12.500 Plätze reduziert, was zum Großteil auch neue Fassaden erfordern wird. „Zwei Drittel des Auftrags stehen noch bevor“, sieht Hannes Marterbauer voraus.
Sobald die Olympischen Spiele begonnen haben, freue man sich bei Seele daher schon insgeheim auf das Ende der Veranstaltungen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)