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Beschneidung: Gesetzliches Verbot wäre ein Affront

Gesetzliches Verbot waere Affront
Dönmez(c) Ünal Uzunkaya
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Ein Stückchen Haut bewegt die Gemüter – und verdeckt ein mediales Sommerloch. Dabei bedarf nicht jede Tradition einer Änderung.

Die breite Diskussion der vergangenen Tage um ein Stückchen Haut ist der beste Beweis dafür, dass auch kleine Dinge Großes bewirken können. Wer hat sich nicht aller eingeschaltet – Menschenrechtler und Psychologen, verunsicherte Ärzte und klärende Richter bis hin zu antisemitischen Weltverschwörern und islamophoben Schächtungsgegnern. Nicht zu vergessen die Feministinnen, die die weibliche Genitalverstümmelung mit der Beschneidung in denselben Topf werfen. Viele Köche verderben den Brei.

Ein jahrhundertealtes Ritual, eingebettet in die jüdisch-islamische Kultur und Bestandteil einer Religion, wird plötzlich zum „Problem“. Geht es hier um versteckten Antisemitismus oder um den Beweis, dass Muslime archaisch und rückständig seien, weil nach wie vor Opfer erbracht werden müssen? Hier hilft ein kurzer Blick in die Geschichte.


Kein Gesetz des Korans.
Die Beschneidung der Muslime ist kein im Koran festgeschriebenes Gesetz, sondern Zeichen „kultureller Verbundenheit“ mit den Vorfahren. Das gilt sowohl für fromme als auch für säkulare Muslime. Verschiedenen Quellen zufolge ist die Beschneidung der Muslime so erklärt: Das Ritual der Beschneidung wird zurück in die Zeit des größten Propheten Abraham verfolgt, als Gott (Allah) ihm gebot, sich zu beschneiden, seinen Sohn Ismael und alle seine männlichen Familienmitglieder. Heute pflegen Muslime ihre männlichen Nachkommen zu beschneiden.

Dieses Ritual zeigt ihre Verbundenheit mit ihrem geistigen Ahnherrn und Urvater Abraham. Weil die Beschneidung in der islamischen Kultur unter anderem von Propheten praktiziert wurde (auch Jesus), wurde dies in die traditionelle Praxis aufgenommen. So denken Muslime – das zeigt auch Ähnlichkeit mit dem jüdischen Glauben in Hinblick auf Beschneidung, schreibt Birol Kiliç, Obmann des österreichisch-türkischen Kulturvereins in der Zeitschrift Einspruch.

Jüdischen Quellen zufolge hat die Beschneidung große Bedeutung: Das Ritual erinnert an den heiligen Bund, den Gott mit dem Stammvater Abraham geschlossen hat. Durch die Beschneidung wird das Kind in diesen Bund aufgenommen. Sie ist auch ein Zeichen verpflichtender Gemeinschaft des einzelnen Juden mit seinem Volk. Wer daher seinen Sohn nicht beschneiden lässt oder wer das, auch nach Vollendung des 13.Lebensjahres nicht nachholt, stellt sich außerhalb des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel.


Keine Traumatisierten. An diesen Beispielen sieht man, dass es zwischen Muslimen und Juden eine Verbundenheit gibt. Natürlich ist dieser Eingriff mit Schmerz verbunden, bis dato hat aber jeder überlebt – und niemand wurde traumatisiert, wie es fälschlicherweise manche behaupten. Im Gegenteil, das muslimische Ritual ist in ein großes Fest eingebettet, bei dem der Betroffene wie ein kleiner Prinz verkleidet wird, Geschenke bekommt und gefeiert wird, um ihm die Angst zu nehmen.

Die Funktionalität wird durch die Beschneidung in keinster Weise beschränkt. Über Ästhetik kann man diskutieren, das ist Geschmackssache. Durch eine gesetzliche Regelung würde man massiv in das soziokulturelle Leben des Individuums eingreifen, was einen Affront gegenüber Muslimen und Juden darstellen würde. Außerdem würde durch ein gesetzliches Verbot Kurpfuschern Tür und Tor geöffnet. Nicht alles bedarf einer Änderung – selbst Praktiken, die aus einer jahrhundertealten Tradition gewachsen sind.

Efgani Dönmez ist Abgeordneter zum Bundesrat und Mitglied der oö. Grünen. Der 1976 in der Türkei geborene Dönmez ist gelernter Installateur und diplomierter Sozialarbeiter.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2012)