Analyse. Das Ölkartell Opec wird am Montag voraussichtlich den Ölhahn aufdrehen. Ein Zeichen des guten Willens - mehr nicht. Denn nach zusätzlichem Rohöl gibt es auf den Märkten keinen Bedarf.
wien. Am kommenden Montag schaut die Welt wieder einmal gebannt nach Wien: Die Minister der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) werden in der Wiener Zentrale des Ölkartells zusammentreffen. Journalisten aus aller Welt werden über jede kleinste Wortspende der Sitzungsteilnehmer berichten. Immerhin ist die Situation an den Ölmärkten höchst angespannt, die Preise steigen fast täglich.
Beobachter gehen davon aus, dass die Opec, die etwa ein Drittel des Welt-Ölbedarfs deckt, den Ölhahn leicht aufdrehen wird. Die Rede ist von zusätzlichen 500.000 Barrel pro Tag (je 159 Liter), womit sich die gesamte Förderung des Kartells auf offiziell 28,5 Mill. Barrel pro Tag erhöhen würde. Die Erhöhung der Förderung soll ein Zeichen des guten Willens sein - denn die Opec stand in den vergangenen Tagen unter massivem politischen Druck: Vor allem der britische Finanzminister Gordon Brown hatte scharf gegen die Opec geschossen und angesichts hoher Öl- und Treibstoffpreise eine Erhöhung des Ölangebotes gefordert. Was prompt eine eher grantige Replik von Opec-Generalsekretär Adnan Shihab-Eldin provozierte: "Ich finde es erstaunlich, wenn man von einem knappen Angebot spricht", sagte er. "Das entspricht nicht den Fakten."
Tatsächlich ist Rohöl keineswegs knapp. Eng ist es seit geraumer Zeit lediglich am Markt für Mineralölprodukte. Jahrelang haben es die Mineralölkonzerne verabsäumt, in ausreichend Raffineriekapazitäten zu investieren. Und das rächt sich jetzt. Eine Natur-Katastrophe wie der Hurrikan "Katrina" - und die ohnehin angespannte Situation wird zum Desaster.
Der Golf von Mexiko ist für die Energieversorgung der USA eine zentrale Region, hier befinden sich Raffinerie-Kapazitäten in Höhe von 47 Prozent der gesamten US-Produktion. Es wird noch Monate dauern, bis sie wieder hochgefahren werden können. Und das ist jedenfalls viel länger, als unmittelbar nach der Hurrikan-Katastrophe angenommen wurde.
Zusätzliches Öl bereit zu stellen ist also allenfalls eine gut gemeinte Geste der Opec. Bewirken wird der Beschluss allerdings genau nichts. Weil weitere Ölmengen schlicht und einfach nicht gebraucht werden. Besonders anschaulich wurde das am 9. September: Damals sollten - auf Initiative der Internationalen Energieagentur (IEA) - 30 Mill. Barrel Rohöl im Rahmen einer Auktion verkauft werden. Es galt, die nach dem Hurrikan nervösen Märkte zu kalmieren.
"Die Opec braucht überhaupt nichts zu tun. Sie liefert Öl, das im Moment ohnehin keiner will."
Sandra Ebner, DekaBank
Doch von den zur Verfügung stehenden 30 Mill. Barrel gingen bloß elf Mill. weg. Für den Rest gab es keinen Bedarf. Interessant ist in dem Zusammenhang auch die Tatsache, dass sich Käufer nur für schwefelarmes, leichtes Öl finden ließen. Fast 15 Mill. Barrel stark schwefelhaltiges Rohöl erwiesen sich als "Ladenhüter" - sie fanden keine Abnehmer. Und das ist just jene Rohöl-Qualität, die von der Opec kommt.
Sandra Ebner, Ölexpertin der deutschen DekaBank, kommt daher zu einem eindeutigen Urteil: "Eigentlich bräuchte die Opec am Montag überhaupt nichts zu tun. Sie liefert Öl, das im Moment ohnehin keiner will." Demgemäß werde auch das zu erwartende Aufdrehen des Opec-Ölhahns keinerlei Auswirkungen auf die hohen Preise haben. Die Ölpreise könnten allenfalls durch die Bereitstellung von höherwertigem Rohöl etwas unter Druck geraten. Das ist nämlich genau jene Qualität, mit der in den Raffinerien größere Mengen Treibstoff produziert werden können.
Doch die Opec kann sich großzügige Gesten durchaus leisten. Sie produziert derzeit zwar mit 29,6 Mill. Barrel täglich etwas mehr, als sie offiziell festgelegt hat. Ebner zufolge hat das Kartell allerdings eine Kapazität von insgesamt 31 Mill. Barrel. Vor allem Saudiarabien hat noch Spielraum. Die Opec-Länder Indonesien, Venezuela und der Iran haben hingegen schon ihr Limit erreicht. Die ihnen vom Kartell zugestandenen Förderquoten können sie nicht mehr ausschöpfen.