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Ökonomen-Streit: "Wir sind keine Hellseher"

oekonomen sind keine Hellseher
(c) Reuters (Michaela Rehle)
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Auch Ökonomen seien nur Menschen, sagt HWWI-Chef Straubhaar. Ifo-Chef Sinn warnt indes vor dem "Glatteis der Schuldensozialisierung".

Deutschlands Top-Ökonomen sind bei der Suche nach Wegen aus der Euro-Krise weiter uneins. Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen fordert einen Stopp für weitere Hilfen an die Defizitländer: "Keinen Schritt weiter, solange es kein vernünftiges Regelwerk gibt. Solange darf es keine gemeinsame Haftung und keine neuen Schulden über Maastricht hinaus geben", sagte er der Tageszeitung "Die Welt" (Samstag).

Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Dennis Snower, widersprach entschieden. Das könne sich Europa mitten in der Krise nicht leisten. "Ja, wir müssen an gemeinsamen Regeln arbeiten, aber wir müssen gleichzeitig auch stabilisieren." Die Wirtschaftswissenschaft befindet sich in Aufruhr, seit gut 200 Ökonomen um den Münchner ifo-Chef Hans-Werner Sinn vor gut einer Woche einen Brandbrief über die jüngsten EU-Gipfelbeschlüsse verfassten. Raffelhüschen gehörte zu den Unterzeichnern dieses Aufrufs, Snower zu den Initiatoren einer Replik.

"Wir können nicht mehr als beraten"

Der Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), Thomas Straubhaar, gewinnt der Debatte auch gute Seiten ab: "Der Öffentlichkeit ist vielleicht klarer geworden, dass auch Ökonomen nur Menschen sind und keine Hellseher oder der Welt entrückte Akademiker", sagte er dem Bremer "Weser-Kurier". "Wir können nicht mehr als beraten, aufzeigen, Erkenntnisse liefern". Die Entscheidungen müssten dann die Politik oder der Unternehmer fällen.

Einer der größten Streitpunkte bleibt der Umgang mit maroden Banken. "Wir brauchen eine einheitliche EU-Finanzmarktregulierung, einen Abwicklungsprozess für insolvente Banken und einen Rekapitalisierungsfonds für solche, die eine Perspektive haben", forderte Snower. Dazu sollte sich der Rettungsschirm ESM auch an Banken beteiligen können. Raffelhüschen warnte dagegen davor, "wie bei der Euro-Einführung den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen". Bevor man sich auf eine Haftungsunion einlasse, müssten die notwendigen Bedingungen für eine gemeinsame Haftung erfüllt sein. "Bezahlt wird erst, wenn es die Regulierung gibt, nicht umgekehrt."

"Glatteis der Schuldensozialisierung"

Auch ifo-Chef Sinn legte beim Thema Bankenunion nach: "Wie es scheint, wollen sich viele Entscheidungsträger und ihre Ratgeber auf das Glatteis der Schuldensozialisierung begeben", sagte Sinn der "Wirtschaftswoche". Er sprach sich dafür aus, dass europäische Krisenstaaten vorübergehend aus der Währungsunion austreten könnten. Sie sollten übergangsweise eine eigene Währung einführen und müssten Reformauflagen erfüllen, wenn sie zurückkommen wollten.

Laut ifo-Berechnungen haben Europäische Zentralbank (EZB), EU, Euro-Staaten und Internationaler Währungsfonds (IWF) in den vergangenen fünf Jahren rund 1,53 Billionen Euro an Hilfen für Krisenstaaten zur Verfügung gestellt. "Geholfen hat es nicht. Die Krise geht weiter, weil ein Fass ohne Boden nicht gut zu füllen ist", sagte Sinn. Wenn der künftige Rettungsschirm ESM ausgeschöpft werde, würden die Hilfen sogar auf 2,2 Billionen Euro anwachsen.

"Wer kritisiert, soll auch Ideen bringen"

Eine strengere Kontrolle der Finanzmärkte forderte Post-Chef Frank Appel, der gleichzeitig den Kurs zur Euro-Rettung von Bundeskanzlerin Angela Merkel gegen Kritik verteidigte. "Das Problem ist so groß, dass es sich nicht in einem Jahr lösen lässt", sagte Appel der "Süddeutschen Zeitung" (Samstag). Zur Kritik der Ökonomen sagte er: "Wer kritisiert, sollte auch neue und bessere Vorschläge und Ideen auf den Tisch legen."

Auch der Präsident der Europäischen Investitionsbank (EIB), Werner Hoyer, rechnet nicht mit einem schnellen Ende der Euro-Krise. "Der Druck auf die Mitgliedstaaten und die EU selber, ihr Haus in Ordnung zu bringen, wird noch sehr lange anhalten. Das ist keine Sache von ein, zwei Jahren", sagte Hoyer dem "Focus". Er glaube jedoch, dass die politischen Rahmenbedingungen zur Bewältigung der Krise sich in den nächsten zwei, drei Jahren zum Positiven verändern könnten.

(APA/dpa)