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Rosas zeigen getanzte Lebensfreude wie anno 1998

Rosas zeigen getanzte Lebensfreude
(c) AP (Denis Farrell)

Anne Teresa de Keersmaeker beehrte das Tanzfestival mit einer Neuinszenierung eines 1998 in Wien uraufgeführten Stücks: "Drumming Live". Ein Genuss - auch dank der Percussions des Ictus-Ensembles.

Das Stück kommt leise auf die Bühne. Es tröpfelt und perlt zunächst nur aus den Xylofonen, nimmt mit den Tänzern und ihren Luftsprüngen Fahrt auf, steigert sich zu tranceartiger Intensität, um nach 60 Minuten ohne erkennbares Finale ganz plötzlich abzubrechen. Nachhall gibt es keinen. Nur im Kopf des Zuschauers, der auch nach dem Abklingen der intensiven Rhythmen noch immer meint, er müsse den Körper von seinem bequemen Theatersitz reißen, ihn mitschwingen lassen zu den Klängen, in die sich das grandiose Percussion-Ensemble Ictus unter der Leitung von Georges-Elie Octors geradezu versenkt hat.

Konzentration und Fröhlichkeit bestimmen die Atmosphäre auf der mit einem schlichten silbernen Vorhang dekorierten Bühne. Einige hoch gestellte Neonröhren dienen der Beleuchtung für die Musiker. Die Tänzer tragen vornehmlich schlichtes Weiß. Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker hat bei „Drumming Live“ wieder dafür gesorgt, dass keine unnötige Ablenkung den Blick aufs Wesentliche verstellt. Und das ist bei ihr die Einheit von Körper und Bewegung mit der Musik.

Steve Reich ließ sich für sein 1970–71 geschriebenes Stück „Drumming“ von einer Forschungsreise nach Afrika inspirieren. Er entwickelt mit Trommeln, Xylofonen, einer Flöte und den Stimmen zweier Sängerinnen ein einziges Motiv durch Beschleunigung und Verschiebung zu einer schier unendlichen, kraftvollen Komposition weiter. Reichs Musik ordnet sich dem Tanz nicht unter, ist nicht nur akustische Dekoration, sondern verschmilzt mit dem Tanz zu einer selten erlebten akustisch-visuellen Einheit.

 

Heitere Gelassenheit – wie in Afrika

Die Tänzer von Keersmaekers Compagnie Rosas wirbeln dazu heiter und lustvoll über die Bühne, sind mit Präzision und Intensität im Einsatz – und schenken einander dabei immer wieder ein aufmunterndes Lächeln. Es ist dieser Ausdruck der Gelassenheit, trotz schweißtreibender Aktivität, der den Betrachter ansteckt und ihn an Afrika und seine ebenso freundlich-gelassenen Bewohner erinnern mag. Auch das völlige Aufgehen des Tänzers in der Musik ist ein Merkmal, das bei Keersmaeker wiederkehrt. Rosas lassen sich von der Musik tragen, toben mit ihr, scheinen mit ihr zu fliegen, um sich dann kurz im Gleichklang mit einem anderen zu treffen oder plötzlich zu erstarren, als hätte jemand auf die Pause-Taste gedrückt.

Es ist eine aus der Freude an der Musik geborene Bewegung – ein Prinzip, das auch 14 Jahre nach der Uraufführung von „Drumming“ beim ImPulsTanz nichts an Attraktivität verloren hat. Bemerkenswert, dass zwei Tänzerinnen damals schon dabei waren: Fumiyo Ikeda und Cynthia Loemij symbolisieren die langjährige Treue Keersmaekers zu Wien – und des Wiener Publikums zu seiner Favoritin unter den zeitgenössischen Choreografen. Und wie in jeder langen Freundschaft, schaut man gern auf Erlebtes zurück, um schöne Erinnerungen wachzurufen. Das ist mit „Drumming Live“ eindrucksvoll gelungen. www.ImPulsTanz.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.07.2012)