Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ungarn: Hausarrest für einen Kriegsverbrecher

Ungarn Hausarrest fuer einen
Laszlo Csatary(c) REUTERS (LASZLO BALOGH)
  • Drucken

Nach internationaler Kritik an der Justiz wurde der mutmaßliche Nazi-Scherge László Csatáry am Mittwoch überraschend festgenommen. Er habe nur seine Pflicht getan, beteuert er.

Budapest. Die Causa des mutmaßlichen Kriegsverbrechers László Csatáry hat am Mittwoch eine unerwartete Wende genommen: Der 97-Jährige wurde am Morgen von der Polizei in Budapest festgenommen und verhört. Die ungarische Justiz bringt gegen Csatáry den „begründeten Verdacht“ vor, während des Zweiten Weltkriegs nicht nur Menschen rechtswidrig gefoltert, sondern auch Kriegsverbrechen begangen zu haben. Im schlimmsten Fall droht ihm eine lebenslange Haftstrafe. Laut dem Simon-Wiesenthal-Zentrum hat Csatáry im Frühjahr 1944 als Polizeikommandant des jüdischen Ghettos in der südslowakischen Stadt Košice eine Schlüsselrolle bei der Deportation von mehr als 15.000 Juden nach Auschwitz gespielt.

Wie die Budapester Generalstaatsanwaltschaft mitteilte, soll Csatáry unter Hausarrest gestellt werden, von einer Untersuchungshaft wurde wegen seines hohen Alters abgesehen. Bei einer am Mittwoch einberufenen Pressekonferenz sagte der zuständige Staatsanwalt Tibor Ibolya, dass der „körperlich wie geistig rüstige“ Csatáry nach seiner Festnahme kooperativ gewesen sei. Der mutmaßliche Kriegsverbrecher habe seine Verhaftung erwartet, er hatte eine handschriftliche Erklärung abgefasst, in der er sich als unschuldig bezeichnete. Csatáry gab unter anderem zu Protokoll, dass er 1944 lediglich „Befehle befolgt“ und also „seine Pflicht“ erfüllt habe.

 

Unverhohlener Antisemitismus

Im Rahmen der Pressekonferenz sagte Staatsanwalt Ibolya auch, es sei schon nach dem ersten Verhör offensichtlich geworden, dass Csatáry gegenüber „bestimmten Mitmenschen“ eine intolerable Einstellung habe. Ungarische Medien interpretierten die Äußerung Ibolyas als Hinweis auf Csatárys ausgeprägten Antisemitismus.

Aus der Pressekonferenz ging auch hervor, dass Csatáry als Kommandant des jüdischen Internierungslagers in Košice die Inhaftierten regelmäßig und ohne jeglichen Grund geschlagen hätte, „ohne Rücksicht auf deren Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand“. Darüber hinaus habe er aktiv an der Deportation von Juden in diverse Konzentrationslager, auch nach Auschwitz, teilgenommen.

Angeblich sei er erbarmungslos mit den Menschen umgegangen. Ibolya nannte hierbei ein konkretes Beispiel: Vor der Abfahrt eines der Transportzüge nach Auschwitz habe ihn einer der deportierten Juden angefleht, ein Fenster in den mit rund 80 Personen vollgepferchten fensterlosen Güterwaggon schneiden zu lassen. Csatáry habe dies aber brüsk abgelehnt.

Tibor Ibolya ging bei der Pressekonferenz auch auf die in den vergangenen Tagen von vielen Seiten geäußerte Kritik ein, wonach die ungarische Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen in der Causa Csatáry nur schleppend vorankomme. Die Staatsanwaltschaft habe trotz der enormen Schwierigkeiten, die der Fall mit sich bringe, „schnelle und gründliche“ Arbeit geleistet. Er wies darauf hin, dass die ungarische Justiz Ereignisse aufgedeckt hätte, die vor 68 Jahren geschehen seien und mehrere Länder beträfen. Deshalb sei die Staatsanwaltschaft erst am 9.Juli zu der Feststellung gelangt, dass der begründete Verdacht von Kriegsverbrechen bestehe.

Ibolya betonte auch, dass die Ermittlungen sich noch einige Monate hinziehen könnten, die Befragung der Opfer, die in der ganzen Welt verstreut leben, ist noch nicht abgeschlossen.

 

Gefährdete Zuroff Ermittlungen?

Den Vorwürfen des Direktors des Wiesenthal-Zentrums, Efraim Zuroff, dass die Justiz so langsam reagiere, hielt der Staatsanwalt entgegen: Zuroff habe der Staatsanwaltschaft empfohlen, vorsichtig vorzugehen, um eine Flucht Csatárys zu vermeiden. Gleichwohl sei er es dann gewesen, der sich mehrfach an die Medien gewandt und so den Erfolg der Ermittlungen gefährdet habe, sagte Ibolya.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2012)