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Syrien: Schlag ins Herz des Assad-Regimes

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assad rajha(c) REUTERS (SANA)
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Ein Attentäter tötete den Verteidigungsminister und weitere Top-Sicherheitsleute. Stunden später gab es Gerüchte, der Präsidentenjet habe Damaskus verlassen.

[Kairo/Damaskus] Das blutige Finale in Syrien hat begonnen. Nach dem spektakulären Anschlag auf den innersten Führungszirkel von Präsident Bashar al-Assad gerät die Lage immer mehr außer Kontrolle: Wie das staatliche Fernsehen meldete, wurden gestern Verteidigungsminister Daoud Rajha und der Schwager Assads, Assef Shaukat, sowie ein weiterer ranghoher General bei einem Anschlag auf ein Spitzentreffen von Ministern und Vertretern der Sicherheitskräfte getötet. Sie zählten zu den wichtigsten Strategen des Regimes im Kampf gegen die Aufständischen.

Nur Stunden später berichtete ein Oppositionsaktivist, die Präsidentenmaschine sei vom Flughafen Damaskus gestartet, mit Ziel Latakia. Die Küstenstadt ist eine Hochburg der alawitischen Minderheit, der auch Assad angehört. Darüber, wer an Bord gewesen sein soll, gab es zunächst keine Informationen.

Zu dem Anschlag bekannte sich die „Freie Syrische Armee“: „Das ist der Vulkan, von dem wir gesprochen haben. Wir haben gerade erst begonnen“, erklärte einer ihrer Vertreter. Bereits tags zuvor hatte Oberst Kassem Saadeddine, der Sprecher der Rebellen in Homs, für die kommenden Tage „Überraschungen“ angekündigt.

Vom Hergang des Anschlags gibt es mehrere Versionen: Zunächst hieß es, ein Angehöriger der Sicherheitskräfte, laut dem Sender al-Jazeera gar ein Mitglied der Leibgarde des Diktators, habe einen Sprengstoffgürtel gezündet. Der Kommandeur der „Freien Syrischen Armee“, Riad al-Asaad, erklärte allerdings gegenüber der Nachrichtenagentur AP, seine Mitkämpfer hätten einen Sprengsatz in dem Konferenzraum platziert und dann ferngezündet. „Alle, die das Attentat durchgeführt haben, sind in Sicherheit“, sagte er.

Für viele Stunden stand eine hohe Rauchsäule über dem Explosionsort, der Nationalen Sicherheitsbehörde. Einheiten der Republikanischen Garden sperrten das Gebäude sofort weiträumig ab, ebenso wie das nahe gelegene Shami-Hospital, in dem die Verwundeten versorgt werden.

Heftige Kämpfe in der Hauptstadt


Der getötete Verteidigungsminister Rajha gehört der christlichen Minderheit an und war erst seit etwa einem Jahr im Amt. Widersprüchliche Meldungen gab es zum Zustand von Innenminister Mohammed Shaar. Mehrere arabische Sender berichteten, der Politiker sei ebenfalls tot. Dem Staatsfernsehen zufolge jedoch wurde er nur verletzt. Die Opfer gehören zum engsten Krisenstab von Assad. Das Gremium, dem auch die Chefs von Staatssicherheit, Geheimdienst und Militärgeheimdienst angehören, tagt regelmäßig, die Entscheidungen über die täglichen Einsätze trifft Assad aber stets persönlich.

Seit vier Tagen liefern sich Rebellen und Sicherheitskräfte schwere Kämpfe in der Hauptstadt, die sich jeden Tag auf weitere Stadtteile ausdehnen. Die heftigsten Gefechte konzentrieren sich jedoch auf den Stadtteil Al-Midan, in dem überwiegend Sunniten leben. Nach Berichten von Anwohnern gingen die gefürchteten Regime-Milizen wenige Stunden nach dem Bombenanschlag zum Gegenangriff über und begannen, Wohnungen zu durchsuchen und zu plündern. Immer mehr Familien irren durch die Straßen der syrischen Hauptstadt auf der Suche nach einem sicheren Ort. Über den Kurzmitteilungsdienst Twitter verbreitete die Opposition die Nachricht, an die Armee würden Gasmasken verteilt.

Die für Mittwochabend geplante Abstimmung im UN-Sicherheitsrat in New York über eine Resolution zu Syrien sowie die Verlängerung des Mandats der UN-Beobachter wurde angesichts der aktuellen Ereignisse in Syrien auf Donnerstag verschoben. Bisher haben Russland und China alle Resolutionen per Veto blockiert, die dem syrischen Regime Sanktionen androhen. Russlands Außenminister Sergej Lawrow ließ in einer Reaktion auf die dramatischen Vorgänge in Damaskus durchblicken, dass sich an dieser Haltung nichts geändert habe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.07.2012)