„Helm auf und los“: Begegnung mit einem Großen

Helden der Ennstal. Rallye-Legende Walter Röhrl hat vor 20 Jahren die erste Ennstal Classic gewonnen, das verbindet einfach.

Der Chopard-Brunch gehört zur Tradition bei der Ennstal Classic – am Samstagvormittag, vor dem „Grand Prix von Gröbming“, einem Showrennen mit Starpiloten und legendären Boliden, gibt es im Festzelt die Möglichkeit, bei Sekt und Brötchen mit den Stars der Ennstal zu plaudern.

Alle sind schon da: Nigel Mansell, Sir Stirling Moss, Rauno Aaltonen, und wie sie alle heißen. Nur einer nicht: Walter Röhrl. Ich habe hier mit Sebastian Vettel, Frank Williams, Niki Lauda, Emerson Fittipaldi, Franz Wittmann, Stiq Blomqvist und vielen mehr gesprochen, doch Röhrl begegne ich zum ersten Mal. Er ist zweifacher Rallye-Weltmeister, Experten und Fans nennen ihn Rallyegott, bezeichnen ihn zumindest als den weltbesten Rallyefahrer, sie preisen seinen Speed und seine Gründlichkeit. Nur hier und jetzt fehlt jede Spur von ihm.

Tatsächlich ist er längst erschienen. Draußen werde ich fündig: Der zwei Meter große Bayer ist umringt von einer Fantraube, geduldig beugt er sich herab und signiert Fotos, Modellautos und Programmhefte. Zwischendurch wird gemeinsam fotografiert, wobei Röhrl beim Posieren instinktiv in die Knie geht, als würde er zuvorkommend die verschiedenen Körpergrößen ausgleichen wollen.

Keiner ist so groß wie er, trotz Menschenmenge ist Walter Röhrl nicht zu übersehen. Der deutsche Ausnahmepilot kann gar nicht viel anders, als diverse Classic-Rallyes zu beehren, mit der Ennstal verbindet ihn aber der Umstand, dass er die erste Ausgabe vor 20 Jahren gewonnen hat – als für Veranstalter Helmut Zwickl keineswegs klar war, ob überhaupt mehr als eine Handvoll Fahrer und Autos am Start auftauchen würden (es waren dann 35). Es ist übrigens kein Geheimnis, dass Leute, die schnell Auto fahren können, auch sehr präzise fahren und sich für derlei Bewerbe grundsätzlich qualifizieren.

Bei „Rallyegott“ muss er lachen – dass viele Fans und auch Hobbyrennfahrer weiche Knie bekommen, wenn sie dem Röhrl zum ersten Mal gegenüberstehen, ist ihm bewusst: „Ich sage dann: Schau mich an, greif mich an – ich bin ein ganz normaler Mensch, da braucht man nicht nervös sein.“

Er selbst habe früher Björn Waldegård oder Hannu Mikkula bewundert: „Das waren Götter für mich.“ Nachsatz: „Zehn Jahre später bin ich Kreise um sie gefahren.“

Wer glaubt, Röhrl hätte eine Ader zur Überheblichkeit, der irrt – er sagt es mit einer unaufdringlichen Selbstverständlichkeit, die nur aufbringen kann, wer sich über sein Ausnahmetalent im Klaren ist. Oder wie es Röhrl formuliert: „Ich hatte das Glück, dass ich etwas Außergewöhnliches konnte, aber ich habe nie den Fehler gemacht, zu glauben, dass ich etwas Außergewöhnliches bin.“

Röhrl spricht in der Vergangenheitsform. Als wir darüber sprechen, dass man schnelles Autofahren wohl nie verlernt, seufzt der 65-Jährige: „Es geht noch ganz gut. Aber ich merke jetzt, dass die Vernunft durchkommt und dass ich sage: Irgendwann musst du das aufgeben.“

Doch erst im Vorjahr, bei der Niederbayern-Rallye, hat Röhrl in einem alten Audi S1 als Vorausfahrer mit inoffiziellen Bestzeiten aufhorchen lassen. Röhrl nickt: „Ja, das stimmt schon. Das Schlimme ist: Wenn ich mir einen Helm aufsetze und losfahre, dann merke ich, dass sich nichts verändert hat. Nur im Vorfeld sage ich: „Jetzt ist es vorbei, diesmal ist Schluss!‘“

Röhrl verrät, dass er seinen zum Jahresende auslaufenden Vertrag mit Porsche nicht verlängern werde und dass er seine Teilnahme am legendären Pike Peaks-Bergrennen kurzfristig abgesagt hat. „Weil ich merke, dass ich vom Kopf her nicht mehr diesen absoluten Siegeswillen habe. Und dann will ich es nicht tun, denn dann ist es ein Betrug an dem Hersteller, wenn ich nicht tausendprozentig fahre.“

Die Pike Peaks-Absage und das Nichtverlängern des Porsche-Vertrags überraschen sogar eingefleischte Röhrl-Kenner. Filmemacher Helmut Deiml, mit Röhrl eng befreundet, grübelt: „Irgendetwas muss in ihm vorgefallen sein – so kenne ich ihn gar nicht.“ Zugleich weiß auch Deiml: „Walter ist voller Widersprüche, vielleicht ist es nur eine Phase – natürlich: Wir alle werden nachdenklich, wenn wir älter werden.“


„Mir läuft die Zeit davon“

Unser Interview ist von Anfang an ein Gespräch – als ich die gefährliche Zeit der Gruppe B-Autos, dieser Monster mit ihrer unbändigen Kraft, und die vielen tödlichen Unfälle erwähne, sagt Röhrl: „Früher habe ich solche Überlegungen nicht angestellt, aber heute denke ich schon mal: Mensch, du hast schon Glück gehabt! 40 Jahre Motorsport und es ist noch alles gerade! Gott sei Dank war es so – und für die Zukunft pass noch besser auf!“ Und: „Das ist schon komisch: Nachdem meine persönliche Restlaufzeit ja nicht mehr so lange ist, hänge ich mehr am Leben als in der Zeit, als ich noch jung war.“

Auch er habe das Gefühl, dass die Zeit mit dem Alter immer schneller vergehen würde, das sei „schrecklich, wirklich schrecklich – manchmal habe ich richtig Panik. Das ist auch ein Grund dafür, dass ich aufhöre bei Porsche. Weil ich merke, dass mir die Zeit in meinem Leben davonläuft.“

Helmut Deiml weiß: „Viele werden wegen dieser Aussagen von Walter überrascht sein – doch so war er schon immer: Geradlinig, ohne sich zu verstellen. Etwas, das es heute im Motorsport nicht mehr gibt.“ Ein Glück, dass auch diese neue, ungewohnte Nachdenklichkeit offenbar nur eine Facette des Walter Röhrl ist. Komplett aufhören kann er nicht. „Ich werde schon noch weiterfahren. In Niederbayern fahre ich heuer mit einem Porsche 911, da werden wir schauen, was möglich ist. Denn wenn ich einmal losfahre, dann möchte ich einfach wissen, wo ich stehe.“

Zur Person

Walter Röhrl

Ehemaliger deutscher Rallye-Pilot, geboren am 7. März 1947 in Regensburg, gilt für viele als „weltbester Rallyefahrer“, hat die gefährlichen Gruppe-B-Autos beherrscht wie kein anderer.

Rallye-EM-Titel 1974

2 Rallye-WM-Titel 1980 & 1982

14 Rallye-WM-Siege

494 Rallye-WM-Punkte [Martin Huber]