Deutsche Bank soll in Euribor-Kartell verwickelt sein

(c) Dapd (Mario Vedder)
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Die Behörden gehen wegen Zinsmanipulationen gegen fünf europäische Geldhäuser vor, darunter die Deutsche Bank. Händler sollen sich abgesprochen haben, um mit Termingeschäften höhere Profite zu machen.

Wien/Ag./Weber. Im Skandal um manipulierte Zinsen verdichten sich die Hinweise, dass neben dem Libor auch der europäische Referenzzinssatz Euribor manipuliert worden ist. Unter der Führung eines Barclays-Händlers sollen sich fünf Banken bei der täglichen Festlegung des Euribor abgesprochen haben. Beschuldigt wird laut „Financial Times“ auch ein Händler der Deutschen Bank. Die anderen betroffenen Häuser sind die Crédit Agricole, die Société Générale und die britische HSBC.

Der Euribor gehört ebenso wie der Libor zu den zentralen Zinssätzen im Finanzsystem. Er gibt an, zu welchen Kosten sich die Banken untereinander refinanzieren können. An ihn gebunden sind Kredite, Sparprodukte, aber auch eine Vielzahl an Termingeschäften. Diese machen den Großteil der betroffenen Geschäfte aus. Schätzungen zufolge hängen am Euribor ebenso wie am Libor Finanzprodukte mit einem Volumen von 350 bis 500 Billionen Dollar.

Festgelegt werden beide Zinssätze, indem die Banken ihre eigenen Zinsen an einen Datenanbieter melden, der jeden Vormittag einen Durchschnittswert errechnet. Beim Libor melden 18 Institute ihre Werte, beim Euribor sind es aktuell 43. Die höhere Teilnehmerzahl macht eine Manipulation zwar schwieriger, aber nicht unmöglich.

Dem Bericht der „FT“ zufolge sollen sich Händler der vier Banken unter der Führung von Barclays verabredet haben, um den Drei-Monats-Euribor entsprechend ihrer Derivate-Positionen zu beeinflussen. Das Blatt berichtet von mindestens 20 Fällen aus den Jahren 2006 bis 2008.

Wird der Libor abgeschafft?

Dass die Behörden wegen der Sache gegen rund 20 Banken ermitteln, war schon länger klar. Details zu einzelnen Häusern ebenso wie genaue Vorwürfe waren aber nicht bekannt. Zudem wurde davon ausgegangen, dass die meisten Institute ins Visier der Behörden geraten waren, weil sie nach 2008 ihre Refinanzierungskosten zu niedrig angegeben hatten – um gesünder zu erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren. Mittlerweile scheint klar, dass es zwei Phasen der Manipulation gab: Eine vor der Krise, um Spekulationsgewinne zu erhöhen, und eine zweite, um den Ernst der Lage zu verschleiern.

Die Diskussion darüber, welche Lehren aus der Manipulation zu ziehen sind, ist bereits voll im Gange. In Notenbankkreisen wird bereits die Abschaffung des Libor diskutiert. Wenn der Libor nicht reformiert werden kann, müsse man über eine Alternative nachdenken, sagte der kanadische Notenbankchef Mark Carney.

In Europa drängt die Europäische Zentralbank auf Veränderungen im Euribor-System. Eine Lösung könnte sein, dass in Zukunft nur die tatsächlich anfallenden Zinsen gemeldet werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2012)

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