Darf man für den Sturz Putins beten?

Wenn Pussy Riot wegen Rowdytums ins Straflager müssen, zeigt sich, dass sie mit ihrer Kritik am System recht hatten.

Ach, wie flüchtig ist doch jedesmal der Urlaub, zumindest in Retrospektive! In diesem Jahr hat mir die Rückkehr von einem klaren Bergsee ins Wiener Unwetter tatsächlich noch mehr abverlangt als sonst. Das Gesprächsklima hat sich verändert. Man fordert mich ständig auf, Entweder-oder-Fragen zu beantworten. Kollegen wollen nicht wissen, wie das Wetter am Glockner war. Nein, sie fragen mich ultimativ: Bist du für oder gegen rituelle Beschneidungen? Für oder gegen Attentate auf Gewaltherrscher? Für oder gegen eine Ausweitung der Parkpickerlzonen am Wiener Rand? Antworte bitte umgehend mit einem Aussagesatz!

Ehrlich gesagt weiß ich keine einfache Lösung für solch existenzielle oder gar aufrührerische Probleme. Wer will schon die religiösen Gefühle des Bürgermeisters und seiner Vizechefin verletzten? Ich kann auch kein Blut sehen. Die Beschneidung von Mädchen finde ich ausnahmslos unstatthaft, ja sogar bei den Buben würde ich es bei einem symbolischen Schnitt belassen. Aber wenn es um den Assad-Klan geht, sage ich schon: Es reicht nicht, dass man dieser Bagage die Kreditkarten fürs Shopping in London und Paris streicht, die gehören alle vor ein ordentliches russisches Gericht, wenn man sie kriegt. Das Delikt des Rowdytums dürften sie allemal begangen haben.

Ja, die russische Justiz ist streng, wenn es um schlechtes Benehmen geht. Deshalb wundert es mich, warum mich niemand fragt, ob ich für einen Freispruch für die Frauen der Punkband Pussy Riot gebetet habe. Ja, habe ich. Die ambitionierten jungen Künstlerinnen haben in der Erlöser-Kathedrale in Moskau eine Performance gewagt, in der sie die Madonna um Befreiung von Putin baten. Das war schon etwas frech.

Die 1883 erbaute Kirche gilt als Zeichen des Sieges der Russen gegen Napoleon. Unter Stalin wurde sie 1931 zerstört, unter Präsident Putin nach der Wiedererrichtung erneut eröffnet. Der Ex-KGB-Mann besucht dort auch zuweilen die Messe. Pussy Riot wird gewusst haben, auf was man sich einließ. Wahrscheinlich würde der Kreml-Herrscher, wäre er das Gesetz, strenger mit ihnen umspringen als mit seinem Kollegen in Damaskus. Hoffentlich findet sich ein unabhängiger Richter, der etwas von Kunst versteht. Es ist paradox: Wenn die Frauen zu jahrelangem Straflager verurteilt werden, zeigt sich, dass sie mit ihrer Kritik am System absolut recht hatten. Ihr Wunsch, dass die Macht der Nomenklatura beschnitten wird, scheint jedenfalls legitim zu sein. Gedanken sind frei. Man darf auch höhere Mächte getrost darum bitten, dass Assad zu Gott findet. Es wäre sogar schon hilfreich für Syrien, würde das Volk seinen Diktator finden.

E-Mails an: norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)

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