Hausherr Adi Hirschal inszeniert seltsame Assoziationen, die Franzobel zu Goethes Drama hat. Eine reale Wiener Kulturposse.
Das Ufo ist gelandet: Am Hof hat Adi Hirschal wieder sein Lustspielhaus aufstellen lassen, führt erneut Regie bei einer „Wiener Posse“, die Autor Franzobel für ihn hingeworfen hat. Nach Shakespeare müssen nun Goethe und die Rolling Stones dran glauben: Am Donnerstag war die Premiere von „Faust. Ein Dermatologe auf der Suche nach einer guten Haut“. Ein Hauch von Weimarer Klassik und ein paar klassische Popsongs wie „Ruby Tuesday“ oder „Little Red Rooster“ dienen als Vorlage für wahnwitzige Assoziationsketten, für Dr. Johann Faust von Zupfnudel und Mephisto Wolfram Luzifer Lamperl. Es wäre falsch zu sagen, dass Franzobel Kalauer nicht scheut. Nein! Er setzt sie souverän ins Seichte. Und er kann sogar reimen: „Was war das? Ein Lercherlschas?“, heißt es. Exakt! Die Sprache ist zwar maßlos, der Witz jedoch begrenzt. Bauerntheater wird dramaturgisch meist besser auf den Punkt gebracht.
Auch die Schauspielkunst ist mäßig. Mit zwei Ausnahmen. Nummer eins: Dolores Schmidinger als gute Seele Ernestine ist im Vergleich zu den Übrigen auf der Bühne eine Göttin der Tragikomik. Nummer zwei: Franzobel bedient sich zwar nicht bei Goethes „Vorspiel auf dem Theater“, doch das bietet Hirschal höchst persönlich mit seiner Begrüßung des Publikums, die zwanzig Minuten dauert. Sie ist der Höhepunkt des Abends, ein Sittenbild der Wiener Kultur-Society. Hirschal begrüßt Finanziers und Freunde, jeder einzelne wird mit freundlichem Applaus bedacht – der Münzhändler, der Kaffeesieder, der Bäcker, der Glücksspielritter, der Beamte, der beim Zeltaufstellen half, vor allem aber ein Stadtrat, der offenbar den Hilfsstrom lenkt, der aus dem Rathaus seit neun Jahren ins Lust-Zelt fließt. Hirschal redet über das Geld: Ein Drittel des Budgets von der Stadt, ein Drittel von Sponsoren, ein Drittel vom Publikum. Da lacht der saisonale Kommerz.
Bescheidener literarischer Feinspitz
Es verbeugen sich Politiker und Künstler, die einst berühmt waren, auch Minister, die unlängst entsorgt wurden. Sie scheinen ergriffen über die eigene Bedeutung und dürfen vom Gastgeber hören, dass diesen offenbar zwei Qualitäten auszeichnen: Bescheidenheit. Und Feinspitzigkeit. Wenn es um den literarischen Geschmack geht. Wie sonst hätte Hirschal auch diesen „Faust“ zugelassen? Er passt genau zum Wiener Lustspielhaus und seinen feinen Förderern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)