Vintage: Was von anderen übrig bleibt

Symbolbild
SymbolbildReuters
  • Drucken

Vintage ist beliebt. Doch nicht alles, was spezialisierte Händler aufkaufen, kommt auch ins Geschäft. Bei dem in Wien lancierten Format des Nachlass-Hoppings können Ramschfans direkt aus verlassenen Wohnungen hamstern.

Die Menschenansammlung in der Eingangshalle eines Hauses am Opernring wächst innerhalb kurzer Zeit von zwei auf sieben Meter an. Ungeduldiges Raunen ist zu hören, und die Anspannung der jungen Männer und Frauen körperlich spürbar. „Ich hätte am liebsten eine Stehlampe“, sagt Klara Prinz, Stupsnase, weiche Locken, weiße Turnschuhe. Ein Schreibtisch wäre aber auch nicht schlecht. „Ich möchte einen Mixer“, sagt ihre Mutter Andrea, die neben Klara steht. Zur Sicherheit haben die beiden ein großes Auto mitgenommen, schließlich weiß man nicht, wie viel und was genau es zu holen gibt. Da werden aber schon die Türen geöffnet, und circa achtzig Leute gehen schnell durch das Stiegenhaus, hinauf in den ersten Stock, in die Wohnung eines ehemaligen Anwalts – die sie jetzt bis in den letzten Winkel ausräumen können.

Klara Prinz, Mutter Andrea und Klaras Freund Nikolaus Weber nehmen an einem sogenannten „Nachlass-Hopping“ teil, dem zweiten seiner Art. Organisiert wird das Event vom Wiener Altwarengeschäft Ramsch & Rosen, dem günstigeren Ableger des auf Vintagedesign spezialisierten Ladens Lichterloh. Die Idee kam Lichterloh-Besitzer Christof Stein im Zuge der täglichen Arbeit – als „Entrümpelungsunternehmer“. Denn einen Teil seiner Ware bezieht Stein durch das Ausräumen aufgelassener Wohnungen. „Dabei passiert es oft, dass wir Möbel oder funktionstüchtige Elektrogeräte wegwerfen. Manchmal sind die Geräte sogar noch originalverpackt“, sagt Astrid Blecha, Marketingbeauftragte von Ramsch & Rosen. Nicht, dass die Geräte schlecht wären. Aber welcher Vintageverkäufer hat im Lager schon Platz für zehn Waschmaschinen, 20 Sofas und 50 Tische, die alle ähnlich und keine Designstücke sind? „Wir können die Sachen dann nicht behalten. Das heißt aber nicht, dass sie andere nicht brauchen können“, sagt Blecha.

So viel man tragen kann. Beim Nachlass-Hopping haben Interessierte die Gelegenheit, Übriggebliebenes abzuholen. Im Internet wird die Adresse einer Wohnung bekannt gegeben. Für eine Gebühr von zehn Euro erhalten Besucher zu einer bestimmten Uhrzeit Einlass und können mitnehmen, was in Hände, Taschen und Autos passt: Vorhänge, Lampen, Bilder, Betten, Tische, Kaffeemaschinen.

Auch im Haus am Opernring gibt es einiges zu holen, 400 Quadratmeter Altbau stehen den 80 Nachlass-Hoppern offen, komplett eingerichtet, so als würden die Besitzer noch immer dort wohnen. In der Bibliothek stapeln sich die Bücher, im Arbeitszimmer stehen Schreibtisch, Couch, Schreibmaschine, selbst Büromaterial liegt noch auf dem Tisch. Das Abstellkammerl daneben ist mit Stöckelschuhen, Kästchen, Koffern rumpelvoll: Bad, Klo, Nähzimmer, Küche sind voll möbliert.

Sehr zur Freude der Altwarenfans, die beginnen, wie ein Schwarm Bienen über die Wohnung herzufallen. Da werden Namenssticker auf Regale, Tische, Lampen geklebt (die Aufkleber gelten als „Reserviert“-Zeichen), Bilderrahmen eingesteckt, Lampen verstaut und ein kleines Schaukelpferd neben einem Hocker und ein paar Kleidungsstücken in der Mitte des Raumes zusammengestellt. Zur Untermalung hat jemand Maria Callas aufgelegt, die ein Stück aus „La Traviata“ singt, ein modriger Geruch liegt in der Luft und immer wieder treffen Bekannte aufeinander, die sofort die eingeheimsten „Schätze“ miteinander vergleichen.

Morbide Atmosphäre. Auch Klara Prinz und ihre Mutter Andrea laufen aufgeregt durch die Räume. Hier, dieses Bild könnte gut ins Wohnzimmer passen, dort die Stehlampe, die nimmt sich Klara. Und der Schreibtisch im Arbeitszimmer, würde der nicht gut in Klaras neue Wohnung passen?

Nur Nikolaus, Klaras Freund, der „nur zum Schleppen“ mitgekommen ist, geht langsamer als die anderen durch die Räume. „Das ist total morbid hier“, sagt er. „Man hat das Gefühl, die Leute leben noch.“ Und die Opernmusik findet er schrecklich.

Er ist nicht der Einzige, der so denkt. Auch Kathrin, Lehrerin in Wien, gibt zu, dass sie am Anfang ein „seltsames“ Gefühl hatte, hier zu sein. Die Spuren der Familie, die vorher hier gelebt hat, sind noch gut sichtbar. Die Tapeten sind heller, dort wo Bilder gehangen sind, das dunkle Holz der Möbel lässt auf den Geschmack der Besitzer schließen und sogar Urlaubsfotos liegen auf dem Schreibtisch herum. Das deutlichste Bild zeichnen aber die Windeln für Erwachsene, die im Vorzimmer in der Ecke liegen (und von den Nachlass-Hoppern mitgenommen werden können), sie weisen auf den Alltag des Menschen hin, der hier bis zum Schluss gelebt hat.

Kritik am Format des „Nachlass-Hoppings“ ist Astrid Blecha daher nicht fremd. „Wir hatten beim ersten Event ziemlich heftige Reaktionen auf Facebook“, gibt die groß gewachsene Frau ohne Umschweife zu. Einige Leute hätten die Aktion kritisiert, sie indirekt mit Leichenfledderei verglichen, sie einfach pietätlos gefunden. Blecha versteht das: „Aber man darf sich da keine Illusionen machen. Wer gerne auf Flohmärkten einkauft, hat das gleiche Problem. Oder wo kommt da die Ware her?“ Außerdem, darauf bestehen die Veranstalter, werde selbstverständlich das Einverständnis der Hinterbliebenen eingeholt, ehe eine Wohnung geöffnet werde.

Dass es auf Flohmärkten ähnlich zugehe, bestätigt auch Peter Lindenberg, Besitzer der Vintagerie und selbst oft auf Flohmärkten unterwegs: „Ein Großteil der Ware stammt von Räumungen oder von Händlern, die etwas bei Privatpersonen kaufen und damit ein Sortiment zusammenstellen.“ Beim Besuch von Flohmärkten oder Vintageläden tritt die Geschichte hinter den Dingen aber in den Hintergrund.

Begeisterung für Altes. Genug Käufer gibt es jedenfalls. Vintagegeschäfte wie die Vintagerie (die vom Pop-up-Store mittlerweile in ein dauerhaftes Geschäft umgewandelt wurde) vermelden gut laufende Geschäfte, Lichterloh selbst kann nicht über mangelnde Kundschaft klagen und Unternehmer wie Fräulein Kleidsam (siehe Artikel unten) sind ein fixer Bestandteil der Einkaufsgewohnheiten all jener Menschen geworden, die Wert auf Individualität bei Wohnung und Kleidung legen.

Und so sind auch die Teilnehmer am Nachlass-Hopping zum Großteil Vintagefans. „Ich steh einfach auf alte Sachen. Wer so etwas nicht mag, der kommt ja auch gar nicht her“, sagt AHS-Lehrerin Kathrin und präsentiert stolz zwei Federballschläger aus Holz, Verbandszeug, das erst nächstes Jahr abläuft, und zwei alte karierte Koffer, die sie als Hundekörbchen verwenden will.

Sie ist jetzt eine von vielen, die zufrieden auf ein Häufchen Habseligkeiten blicken. Obwohl erst 40 Minuten vergangen sind – und noch immer verspätete Besucher in die Wohnung kommen – ist ein Großteil der Wohnung schon leer geräumt. Die Taschen und Wagen der Nachlass-Hopper sind prall gefüllt. Nur circa 13 Personen haben ihre zehn Euro zurückbekommen, weil sie nichts gefunden haben.

Die 700 eingenommenen Euro erhält übrigens das Personal vor Ort. „Wir wollen uns nicht an der Aktion bereichern“, sagt Blecha. Ramsch & Rosen bzw. Lichterloh dürfte auch so genug davon profitieren. Denn natürlich ist jedes Stück, das von den Nachlass-Hoppern weggebracht wird, ein Stück weniger, das entsorgt werden muss. Und die wertvollen Stücke „suchen wir uns schon vorher selbst aus.“

Das Nachlass–Hopping hat jedenfalls gut funktioniert. Vieles aus der Wohnung hat einen neuen Besitzer gefunden, niemand hat über die mit Stickern reservierten Möbel zu streiten begonnen. Nur von elektronischen Topgeräten war nichts zu bemerken.

Keine Streitereien. „Leider wissen wir immer erst kurzfristig, wann wir ein Nachlass-Hopping veranstalten und was in der Wohnung sein wird“, erklärt Blecha. Weitere Events sind jedenfalls geplant, sie werden auch in Zukunft über die Ramsch & Rosen-Facebook-Seite angekündigt, mittlerweile sogar mit Foto, damit die Leute in etwa wissen, was sie erwartet. Nicht jeder sucht elektronische Topgeräte, nicht jeder will altes Zeug.

Klara und Andrea Prinz sind jedenfalls mit ihrer Ausbeute (ein Regal, einige Bilder, eine Stehlampe, neben anderem Krimskrams) sehr zufrieden. Das rote Festnetztelefon im Plastiksack ist sogar für Klaras Freund Nikolaus. „Ich hab gesagt, hau es rein“, murmelt er ein bisschen verlegen vor sich. Jetzt wird das Auto geholt. Der große Abtransport beginnt. Wie es ihnen gefallen hat? Gut, sagt Klara. Auch ihre Mutter hat vor wiederzukommen. Den Mixer, den sie sich gewünscht hat, hat sie nämlich nicht gefunden.

Antikes pop-up

Nachlass-Hopping
Wohnungen werden für ein Publikum mit Altwarenfaible geöffnet. Wer Eintritt zahlt, darf sich nach dem Erdbeerlandprinzip bedienen. Aktuelle Termine und Bildergalerien mit Vorschaucharakter auf künftige (S)Hoppingevents finden sich auf der Facebook-Fanpage des Altwarenhändlers „Ramsch und Rosen“. www.facebook.com/ramschrosen

Wohnungsflohmärkte
Das besonders in den USA beliebte Ramsch-ab-Hof-Verkaufsformat „Garage Sale“ findet hierzulande in der Form von Wohnungsflohmärkten seine Anwendung. Aktuelle Termine zum Beispiel auf www.flohmarkt.at

Vintage SalonVienna
Am 14. und 15. September wird das ehemalige Etablissement Gschwandner erstmals Austragungsort eines von „Fräulein Kleidsam“, Ursula Wagner, organisierten Vintagesalons. Zum Verkauf steht Originalkleidung vergangener Jahrzehnte ebenso wie Mode im Retrolook. Mit dabei ist zum Beispiel Lena Hoschek, für burleske Abendunterhaltung sorgt der „Cirque Rouge“. Siehe www.vintagesalonvienna.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.