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Am Dialog mit dem Islam führt kein Weg vorbei

Islamischer Herbst statt des Arabischen Frühlings? Der Weg zur Demokratie in der Region ist noch weit.

Zum Kongress der tunesischen islamistischen Ennahda-Partei in Tunis waren über tausend Delegierte angereist. „Diese Tagung wird über unser Schicksal entscheiden“, sagte dieser Tage ein liberaler tunesischer Abgeordneter auf Besuch im Europäischen Parlament. Mit 89 Sitzen hatte Ennahda am 23.Oktober 2011 die Mehrheit in der verfassunggebenden Nationalversammlung in Tunis gewonnen. Und trotzdem sagt dessen Präsident, Mustafa Ben Jaffar: „Islam und Demokratie sind vereinbar.“

Sind Islam und Demokratie vereinbar? Ist der vor 18 Monaten auch in Europa gefeierte Arabische Frühling abgedriftet in einen Islamistischen Herbst? Haben die arabischen Massen, die Anfang 2011 auf die Straße gegangen sind, auf den Tahrir-Platz in Kairo etwa, den Teufel „Diktatur“ mit dem Beelzebub eines aufkeimenden islamischen Gottesstaates ausgetrieben? Wo stehen wir heute? Wohin geht die arabische Welt?

Israel fürchtet den Arabischen Winter, spätestens seit der Moslembruder Mohammad Mursi die Präsidentenwahlen gewonnen hat – und sich jetzt mit der Militärführung in Kairo einen Machtkampf mit ungewissem Ausgang liefert. Gewiss ist nur: Das ägyptische Volk interessiert sich für Politik, die Cafés und Teestuben sind voll mit diskutierenden Männern, auch Frauen. Sie genießen Freiheit, die ihnen unter Hosni Mubarak nicht vergönnt war, Freiheit der Rede und der Versammlung. Liveübertragungen aus dem ägyptischen Parlament hatten im Frühjahr mehr Zuseher als Fußballspiele. Unerreichbarer Traum für politische Kommunikatoren in Europa.

Doch der Weg zu Demokratie ist weit. Frauen und Liberale sind in die Ecke gedrängt. Einst standen sie am Midan Al-Tahrir an vorderster Front, heute sind nur zwei Prozent der Abgeordneten im (aufgelösten) Parlament Frauen. Die Christen im Orient und die Kopten in Ägypten fühlen sich bedrängt. Viele emigrieren. Acht von zehn irakischen Emigranten sind Christen, in Bethlehem muss man palästinensische Christen mit der Lupe suchen. Die Angst vor einer Renaissance des politischen Islam als staatstragender Kraft geht um.

 

Verantwortung übernehmen

Begriffsverwirrung herrscht. Die Scharia, das unbekannte islamische Rechtswesen. „Wer kennt schon“, meinte der französische Ökonom und Nahostexperte Jean-Yves Moissereau, „die fünf Säulen (arkan) des Islam? Aber wir gehen davon aus, jeder im Nahen Osten weiß, wann Weihnachten ist.“

Da ist was dran. Divergierende historische Rezeptionen in Morgen- und Abendland haben dazu geführt, dass das jeweilige Narrativ auseinanderklafft. Interreligiöser Dialog kann hier ansetzen, ist Bestandteil von interkulturellem Dialog, auch wenn das angesichts der Debatte über das Dialogzentrum in Wien bezweifelt wird. So zeigt die Gesprächsbereitschaft des Großscheichs von Al Azhar, Mohammad Ahmed Al-Tayyeb in Kairo, einer Autorität im sunnitischen Islam: Die Dialogbereitschaft lebt!

Im Frühjahr 2011 schrien die Massen auf dem Tahrir nach Brot, Freiheit, menschlicher Würde. Die wirtschaftliche Lage im Vorderen Orient ist fatal. Dazu kommt die Demografiekeule: Über 60 Prozent der Bevölkerung sind unter 15 Jahre alt. Ein gefährliches Potenzial für radikale Seelenfänger. Dialog und Einbindung in eine Verantwortung für einen gemeinsamen Raum sind die einzigen Möglichkeiten, gegenseitiges Verständnis und Achtung füreinander zu erreichen. „Die allmähliche Zivilisierung radikaler Ideologien kennt Europa aus seiner eigenen Geschichte“, schrieb die „Zeit“ Ende Juni: Am Gespräch zwischen den Religionen, an einem echten interreligiösen Dialog führt kein Weg vorbei.

 

Michael Reinprecht ist Leiter der Abteilung "Euromed und Nahost" im Europaparlament in Brüssel.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012)